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Full text of "Die gitana; Szenen aus dem spanischen leben um 1830"

PT 

2639 

155 

G5 

19I6 




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in 2013 



http://archive.org/details/diegitanaszenenaOOsilv 



ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG UND DER VERFIL- 
MUNG VORBEHALTEN. COPYRIGHT By ARTUR WOLF, VERLAG, VIENNA 1916 
HA OCHOBAHm ^HTEPATyPHOM K0HBEHIJ,1H ME}K/l,y POCCIEH H rEPMAHlEM 

BC-fi ABTOPCKm IIPABA BI> POCCIPI COXPAHEHLI 3A ABTOPOMt 

DAS AUFFÜHRUNGSRECHT IST DURCH DEN AUTOR ZU ERWERBEN 

BÜHNEN GEGENÜBER ALS MANUSKRIPT GEDkUCKT 






y/. 



^ 



F 



E R S O N E N 



CARMEN 

GARCIA, der Einäugige, ihr Mann 
DON JOSE LIZZARABENGOA 
DANCAIRO 1 ^ , , 

REMENDADO I ^^^^^^^'^ 
DOROTHEE, eine alte Zigeunerin 
EIN ZIGEUNERKIND 
LORD DEBENHAM, von der Gar- 

nifon in Gibraltar 
GENERAL TRIPAUD 
CAPITAINE SEQUIN 
LEUTNANT JIMINEZ 

1. SOLDAT <Francisco> 

2. SOLDAT <Pedro> 
EIN OBERST 

EIN HAUPTMANN der Kulten- 

wadie 
LUCAS, der Stierkämpfer 
PEPITA, eine Zigarrenarbeiterin 
EIN BLINDER 
EIN WACHTMEISTER 
ZIGARRENARBEITERINNEN 
CORDOVANER 
CORDOVANERINNEN 
BURSCHEN 
KARTENSPIELER 



Soldaten, Volk, Gaflenjungen, Straßenfdhreiber, Diener im Haufe des Oberften, 
Beamte der Tabakmanufaktur, ein Wirt, Zigeuner, Sdimuggler, Küftenwäditer. 



I. BILD. IN DER TABAKMANUFAKTUR IN SEVILLA 



Sevilla. Ein großer Raum der Tabakmanufaktur. Es ift ein kahler Saal, mit 
nur zwei kleinen Türen, rechts und links Hintergrund. Einige Fenfter etwas 
über Kopfhöhe, damit man von außen nidit hereinfehen könne. Der Saal 
ift von Frauen und Mäddien gedrängt voll, die an langen Tifdien ftehend 
oder fitzend arbeiten. Es ilt fehr heiß und mandie fmd nur notdürftig be- 
kleidet. Die meilten drehen Zigaretten, wobei fie fidi von den vor ihnen 
liegenden Tabakiträhnen bedienen. Einige haben ausgehöhlte Baumftämme 
neben fidi, die innen mit Metall ausgelegt fmd und durdi eine primitive 
Sdiraube zusammengepreßt werden können. In diefe aufgeriflenen Baum- 
ftämme wird der Tabak hineingelegt und dann durdi das Zudrehen der 
Sdiraube in Strähne gepreßt. An einigen Mitteltifdien werden Zigarren ver^ 
fertigt. Die Frauen rollen das Ded^blatt um die Zigarre und beled^en das 
Ende mit ihrer Zunge, um das Blatt anzukleben. 

Beim Aufgehen des Vorhanges herrfdit lautes Gefdinatter der Weiber, Ge= 
läditer, Gefdirei, Gekreifdi, Gefumme von Liedern. Diefer Lärm dauert 
während der erften Hälfte des Aktes an, fdiwillt an, fdiwädit fidi ab, fdiwillt 
wieder an. Carmen fteht inmitten der Zigarrenarbeiterinnen, fie ift nidit fehr 
fleißig und ftatt Zigarren zu leden, kaut fie mandimal an einer Kaffiablüte. 



1. SZENE. 

1. ZIGARRENARBEITERIN: Carmen lutfAt wieder an ihren Zigarren, 
als wären's Zuckerltangen. 

CARMEN: Der Mann, der die kriegt, hat billig gekauft. 

2. ZIGARREN ARBEITERIN: Kriegt einen Kuß von ihr umfonft mit 
PEPITA: und ftirbt an böfer Blutvergiftung. 

CARMEN: Bei Dir ftürb' er an Krätze. 

3. ZIGARREN ARBEITERIN: Mödit' midi bedanken für Carmens Speidiel. 

CARMEN : Frag' Deinen Jacques, wie's fdimedt. Hab' ihn Sonntag geküßt. 

3. ZIGARRENARBEITERIN: Du Prahlerin, das tat' Dir palTen! Mein 
Jacques würd' eher fterben, als Didi anrühren, 

CARMEN: Hm, müßt' fdion öfters begraben fein — zuletzt am Sonntag, 
als Du in der Kirdie warft. Deine Sünden zu beiditen. 

3. ZIGARRENARBEITERIN: lA frag' ihn iieut abend/ weh' Dir, wenn's 
wahr ift, 

CARMEN: <ladit> Weh' ihm, wenn's wahr ift. 



4. ZIGARRENARBEITERIN: Carmens KüITe find nicht teuer. 
CARMEN: Haft Du fdion 'mal einen Taffetmantel dafür gekriegt? 

4. ZIGARREN ARBEITERIN: Du vielleidit? 

CARMEN: <Iädielt überlegen/ dann) Diefe Zigarre wird füß fdimecken. 

5. ZIGARREN ARBEITERIN: Was hat He zu Mittag gegelTen? 
1. ZIGARRENARBEITERIN: Zwiebel und Pfefferreis. 

CARMEN: Gezud^ertes Eidotter und Mandelgebad^enes, wenn Du es 
willen wilift. (Schmeckt mit der Zunge) Wollt', idi hätt' nodi davon. 

1. ZIGARRENARBEITERIN: Wer hat den neuen hübfdien Brigadier auf 
der Wadie gefehen? 

VIELE: (rufen) Idl, idl! 

2. ZIGARRENARBEITERIN: Er ift Waditmeifter. 

I. ZIGARRENARBEITERIN: Keine Spur, dazu ift er zu jung,- Brigadier 
ift er. 

PEPITA: Er hat blondes Haar und blaue Augen,- idi hab' es ganz deut* 
lidi gefehen. 

CARMEN: <zu Pepita) Nun, brüll' mir nidit ins Ohr. Idi weiß, daß Du 
kein neues Mannsbild überfiehft. 

PEPITA: Du vielleidit? Haft Didi ja wie eine Dirne vor ihm benommen. 

CARMEN: (fpringt auf fie zu und hebt die Hand) Sag' das nodi einmal. 

PEPITA: (läuft hinter eine Kollegin, duckt ficfi und fdiweigt. Carmen geht hochmütig 
lächelnd wieder auf ihren Platz zurüdt). 

1. ZIGARRENARBEITERIN: Er ift erft feit zwei Tagen mit dem Regi* 
ment Almanza hiehergekommen. 

2. ZIGARRENARBEITERIN: Wie heißt er denn? 

1. ZIGARRENARBEITERIN: Donjofe! Idi hab' meinen Francesco gefragt. 

2. ZIGARREN ARBEITERIN: War Francesco nidit eiferfüditig? Donjofe 
ift ein hübfdier Burfdie. 

4. ZIGARRENARBEITERIN: Der gelbe Waffenrod kleidet ihn präditig. 

1. ZIGARREN ARBEITERIN: Der wird nodi Offizier, paßt auf. 

8 



5. ZIGARRENARBEITERIN: Idi madi' mir nidits aus den Kanaris. 

CARMEN: Hältft Dich lieber an die farbigen Gimpel, die Banderilleros/ 
— haben audi mehr Geld. 

PEPITA: Die Zigeunerin muß Itänkern, Dabei ift kein Weib auf Gottes 
Erdboden fo aufs Geld erpicht wie fie. 

CARMEN: Dickes Schwein, mit Dir red' ich nicht. Und der neue Briga- 
dier ift ein hübfcher Junge. <SdinaIzt mit der Zunge.) Ein Navarrefe, ein Baske 
ift er, das hab' ich an feiner Ausfprache gleich erkannt. 

1. ZIGARRENARBEITERIN: Natürlidi! Wir haben ihn nur im Vorbei- 
gehen angefehen, Du haft gleich ein Gefpräch mit ihm beginnen müden. 

CARMEN: Worauf hätte ich warten follen? Bis Pepita ihre fchielenden 

Augen auf ihn wirft? 

PEPITA: (wütend) Wer fdiieft? 

CARMEN: Immer, der fragt. Wenn Du dort <zeigt nadi redits) einem Manne 
fchön tun willft, mußt Du Dich auf den Kopf ftelien und nach links gucken. 
(Alle lachen/ Carmen fdineidet eine GrimalTe und fdiielt.) Da feht! Wohin fchaut fie? 
Wohin? Wer kann es wiflfen, ha, ha, ha, ha. 

PEPITA: Ich kratz' Dir Deine Wolfsaugen aus,- dann wirft Du es bald nicht 
wiften. 

CARMEN: (zu einem weiter abfeits ftehenden Mädchen) Rofita, nimm Dich in 
acht. Pepita will mir die Augen auskratzen, da greift fie ficher ein paar 
Bänke fehl. (Alle ladien.) 

PEPITA: Braunes Miftvieh! 

CARMEN: <kokett) Braune Haut, 

Glückliche Braut, 

's fmd nicht die fchlechteften Herren, 

Die uns begehren. 

PEPITA: Zigeunergefmdel, 

CARMEN: Ich bin in Ägypten geboren und dort fmd alle feinen Leute — 

PEPITA: <kreif(ht laut) Sie lügt, fie lügt. 

2. ZIGARREN ARBEITERIN: Unlängft haft Du erzählt. Du bift in Algier 
zur Welt gekommen und Deine Mutter war eine englifche PrinzelTin. 



3. ZIGARRENARBEITERIN: Wer hat aus Carmens Munde je ein wahres 
Wort gehört? 

CARMEN: (auffahrend) Kühe und Gänfe alle mitfamt! Idi madi' mir fo viel 
aus Eudi ! — -^ — Und den jungen Don Jofe, den leihe idi mir aus <greift 
Pepita fpottend unters Kinn) — idi! Mein fettes Zwergmäusdien. Das ilt kein 
fdiiäfrigcr AndaluGer, kein fdilappfdiwänziger Kaftilianer wie der junge Burfdi, 
mit dem Du gcftern Abend in der Konditorei gefeflen biit. <Lachen.) Beide feft 
aneinandergedrüdt, beider Mäuler feit aneinandergepickt. Er ift wohl auf 
beiden Augen blind, der grüne Junge? <GeIäditer.) 

PEPITA: Wenn Du mit ihm geredet hättelt, wäre er bald rot geworden. 
Du unflätige Hexe. 

1. ZIGARRENARBEITERIN: 's ift wahr, audi Don Jofe ift rot geworden 
wie ein junges Mäddien, als Du ihn anfpradiß. 

EINE ZIGARRENARBEITERIN: Wann hat fie ihn angefprodien? 

ANDERE: Was, Carmen hat ihn angefprodien? 

DRITTE: Natürlidi, habt Ihr es nidit gefehen? 

VIERTE : Ja, heute in der Mittagspaufe. Er faß ganz ruhig auf feiner Bank 
und drehte fidi aus Melfing eine Nadel, ^ fo ein Ding, um den Piftolen- 
lauf zu reinigen. <Carmen ladit.) 

CARMEN: Er reizte midi, weil er fo fdieu dafaß und gar nidit fidi ge^ 
traute die Augen aufzufdilagen. Da ging idi hin undfagte: »Gevatter, wollt 
Ihr mir nidit Eure Nadel fdienken. Idi braudi' fie felbft, fagt er. Adi, fage 
idi, der Herr häkelt Spitzen, weil er feine Nadel braudit <alle ladien). Da 
läutete die Mittagsglocke und idi mußte zur Arbeit zurüd^. — Aber ver^ 
laßt Eudi drauf, den leih' idi mir nodi aus '— bevor Pepita fidi ihn kauft. 

PEPITA: Wenn's mir paßt, tu' idi es. Idi hab' Geld genug, um mir zehn 
Männer kaufen zu können. 

CARMEN: Aber keiner hat Didi nodi genommen. 

PEPITA: Bin eben ein anftändiges Mäddien. 

CARMEN: Keufdi, weil keiner nadiftellt, was? 

PEPITA: Sdiweig, Du mageres Katzenfdieufal, idi hab' Didi Sonntags auf 
einem Befen aus dem Sdiornfiein fliegen fehen (alle laAcn). 

CARMEN: BelTer eine Hexe, als eine fdiielende Kuh <imitiert Pepita mit plumpem 
Gang und fdiielenden Augen), 

lO 



PEPITA: <rtampft vor Wut) Du Lumpendirne! An Dir ritzt fidi ja jeder Mann, 
der fidi an Didi anlehnt. Hängen Dir ja die Fetzen von den Knodien. 

CARMEN: <rafdi> Wenn mir die Fetzen vom Leib hängen, fo geht's Didi 
einen Dreck an! Sdiaut durdi die Fetzen wenigftens was heraus, was der 
Mühe lohnt, fidi anzufehen. 

PEPITA: (auffahrend) Ein Knodienhaufen bift Du — ! 

CARMEN: <unterbridit fie und fährt fehr rafdi fort) Der Teufel foll Didl freOcn ! 
Maltkuh! Du braudilt natürlidi Fetzen, um Didi einzufdinüren, damit Dein 
Fett nidit auseinanderfließt, wenn's heiß iß. Alte Vettel. 

PEPITA: <unterbrediend) Heufchreck', dürrer! Bettelweib! 

CARMEN: (fdireit fie nieder) Wenn 'id\ des Abends ausgeh', bin idi eine 
Dame. Mir laufen die feinften Herren der Stadt nadi, derweil Du in Deinem 
fdiwarzen Kittel gehlt. Das ift ein Fetzen! Hab' Didi ja geftern gut gefehen 
— wie ein bezahltes Trauerweib vom Friedhof bift mir vorgekommen. Die 
Tränen find mir in den Augen geftanden, <weinerHdi) wie idi den armen 
Jungen fah an Deiner Seite. Hatteft ihn wohl angebunden, damit er nidit 
davon kann. (Geläditer) Gegerbter FleÜdipatzen, was weißt Du, wie fidi eine 
Dame trägt?! 

PEPITA: Kufdi einmal! 

CARMEN: <wie oben) Idi hab' Kleider zu Haus, daß Dir die Triefaugen 
übergingen, wenn Du fie fählt. Weinen vor Neid tätelt Du. Hab' Strümpfe 
aus blauer Seide und Saffianfdiuhe mit roten Bändern und ein Kleid aus 
Goldflitter und drei weiße Mantillen, wie fie kein zweitesmal in Sevilla zu 
fehen find. Hab' einen Goldkamm fürs Haar und Bänder und Spitzen und 
Unterzeug (reißt ihre Röcke in die Höhe) ä la francesa — wie eine Dame. 

PEPITA: Alles zufammengeftohlen/ — — und fie werden Dir die Ohren 
abfdineiden. 

CARMEN : <zum erftenmal drohend und ernft) Halt's Maul, Pepita, oder idi geb' 
Dir einen Denkzettel ^ 

PEPITA: Du mußt in den Arreft, Diebin! Das fdiwör idi Dir. 

CARMEN: — einen Denkzettel, den Weg, den Deine Augen wandern 
<madit mit beiden Zeigefingern ein X in der Luft), 

PEPITA : So wahr mir die Madonna hilft, idi zeig' Didi dem Corregidor 
an,- haft mir meine filberne Nadel geftohlen, Gefindelweib, Zigeunerdiebin. 



CARMEN: <reißt eine Nadel aus dem Kleid, ftürzt auf Pepita zu, kratzt ihr mit der 
Nadel links und redits übers Gefidit, daß fofort Blut fließt) Da haft Du Deine Nadel 
zurück! 

<Gerdirei, Gekreifdi, große Aufregung im Saal. Alle Weiber drängen fidi um die Streiten- 
den,- Pepita fällt zu Boden.) 

PEPITA: Mord! Idi bin geltodien! Idi fterbe! Mord! (Einige bemühen fidi um 
fie, einige reißen Carmen zurü*, die fidi wieder auf fie ftürzen will.) 

CARMEN: Laßt midi, laßt midi los! Idi reiß' ihr die Giftzunge aus dem 
Sdilund — mag der Teufel fie erdroITeln, diefe hinkende Vettel. 

PEPITA: Beiditen, beiditen. 

1. ZIGARRENARBEITERIN: 's ift nidit fo arg, gleidi kommt der Arzt. 
CARMEN: Weiß fdion, warum fie nadi dem Beiditvater ruft. 

2. ZIGARREN ARBEITERIN: Es judt fie das Ge willen. 
CARMEN: Es juckt fie was anderes. 

EINIGE: (find zu den Türen und Fenftern gelaufen und haben gerufen) Wadie, 
Wadie, Mord! 

CARMEN: <imitiert höhnifdi) Wadie, Mord! Als war' was gefdiehen. Blut* 
abzapfen fdiadet der Diden nidit. 

2. SZENE. 

<Jetzt kommen im Lauf fdiritt von der Tür redits Jofe und zwei feiner Soldaten. Beim Anblick 
der ungewohnten Szene ftodit Jofe bei der Tür, dann bahnt er fidi den Weg durdi die 
Weiber, die alle auf ihn einfdireien.) 

JOSE: Was ift gefdiehen? Platz, Platz! 

WEIBER: <durdieinander> Carmen ift fdiuld -- Die Gitana ^ Die Gitana hat 
angefangen ^ Sie lügt — Die hat der Teufel im Galopp verloren — Pepita 
läßt fidi immer mit ihr ein -- Sted^t fie ins Lodi — Sie haben geftritten -^ 
Pepita hat fie eine Diebin geheißen — Das ungewafdiene Maul ^ Sie hat 
ihr übers Gefidit gefetzt — In den Arreft mit ihr ^ Drei Wodien bei WalTer 
und Brot werden ihr nidits fdiaden — Unfere Männer befdiimpft fie — So 
ein Luder — Unfere Männer, na, jetzt geht's ihr an den Kragen <Jofe ift bis 
zu Carmen vorgedrungen. Zwei Beamte der Tabakmanufaktur find inzwifdien von Tür links 
eingetreten und haben die ohnmäditige Pepita aus dem Saal tragen lalTen. Ein Sdiwarm von 
Weibern folgt ihnen geftikulierend.) 

JOSE: <padt Carmen beim Arm) Das haft Du getan? 
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CARMEN: <frcdi> Ja, fdlöncr Offizier. 

JOSE: Du mußt mit auf die Wadie. 

CARMEN: <Ieidithin zu ihm, daß die anderen es nidit hören) Mit Eucfl will ich 

fdion gehen '- kommt! Wo ift meine Mantilla? <Die Weiber dringen wieder auf 

fie ein, die Soldaten halten fie zurüdt.) 

WEIBER: Schlagt fie — In den Arreft mit ihr ^ Aufhängen follt' man fie, 
das Bicft ^ Peitfdien follt' man fie — 

SOLDATEN: Zurüd. 

JOSE: (bindet Carmen mit einem Riemen die Hände. Zu Azw Soldaten) Hinaus mit 
den Frauen! Hinaus mit ihnen! (Wendet fidi zu Carmen) Wie heißt Du? 

CARMEN: Carmencita. 

JOSE: Carmencita bleibt hier in meinem Gewahrfam. 

WEIBER: (langfam zurüdweidiend) Auf Wiederfehen, wenn Du auf dem Efel 
durdi die Stadt reitelt ^ Der Corregidor wird Dir's fdion eintränken -- 
Jetzt kannft Du Dir den jungen Herrn (deuten hinter feinem Rücken auf Jofe) aus- 
leihen, ha, ha, vom Arreft aus! 

JOSE- (ruft den Soldaten nadi) Holt den Offizier der Wadie. (Soldaten drängen 
die Weiber hinaus und alle ab, Jofe und Carmen allein.) 

3. SZENE. 

(Carmen hat ihre Mantilla um den Kopf geworfen, fodaß man nur ein Auge fieht,- lädielt 
jetzt Jofe fpitzbübifdi zu,- dann läßt fie mit einem Rudk die Mantilla auf die Sdiultern fallen.) 

CARMEN: Seid Ihr mir böfe, Herr Offizier, daß idi Eudi heut' Mittag 
gehänfelt hab'? Hab's nidit böf gemeint. 

JOSE: Bin nidit aus diefer Gegend/ bin nidit gewohnt, daß junge Mäddien 
die Männer anreden, 

CARMEN: Idi audi nidit ^ fo wahr mir alle Heiligen helfen. Hab's nur 
getan, weil Ihr mir gefallen habt. So ein junger hübfdier Offizier. Was ge- 
fdiieht mit mir, Herr Offizier. 

JOSE: Weiß nidit, wie fdiwer die Wunde ift ^ ins Gefängnis jedenfalls. 

CARMEN: Adi, adi, ins Gefängnis, Idi komme um vor Langeweile und 
Angft, Was foll dort aus mir werden? Herr Offizier, feid gnädig, habt Er- 
barmen, Sie hat midi gereizt, fie hat begonnen, fo wahr mir alle Heiligen 

H 



helfen, idi bin ganz unfdiuldig dran,- \d\ hdW ftill gearbeitet und keine Silbe 
geredet. Herr Offizier, laßt midi entwifdien — bitte, bitte, (flüfternd) idi geb' 
Eudi einen Magnetftein, mit dem Ihr alle Frauen in Eudi verliebt madien 
könnt. Ein junger Offizier kann fo was braudien, <Er fieht fie errtaunt an) Ihr 
zerreibt ihn zu Pulver, eine Meflerfpitze in ein Glas Wein, wenn fie nidits 
merkt, und keine kann Eudi widerftehen. 

JOSE: Was ift das für ein Gerede — fdiweig! Der Leutnant wird cnt^ 
fdieiden, was zu gefdiehen hat. 

CARMEN: Nidit der Leutnant, bitte, bitte. Ihr, mein gnädiger Herr,- der 
Leutnant ift ein Fremder, ein Andalufier, idi kenn' ihn, ein garftiger Kerl,- 
Ihr aber feid mein Landsmann. Herzenskamerad, habt Mitleid mit mir 
armen Mäddien. 

JOSE: Landsmann? 

CARMEN: Idi hab's gleidi erkannt, daß Ihr kein dummer Kaftilianer feid. 
Ihr feid von Kopf zu Fuß ein freier Navarrefe! 

JOSE: {verblüfft) Woher weißt Du das? Idi bin aus Elizondo, im Baskifdien. 

CARMEN: Elizondo, das ift vier Stunden von Vittoria,- bin ganz aus der 
Nähe, aus Etdialar. 

JOSE: Aus Etdialar? Madonna! Warum nannten fie Didi »Gitana«? 

CARMEN: Weil midi Zigeuner nadi Sevilla braditen. (Mit unfchuldigen großen 
Augen) Idi bin fo unerfahren,- hab's jedem erzählt, wüßt' nidit, daß es eine 
Sdiande ift. Idi arbeite hier, um meiner alten Mutter eine Stütze zu fein. 
Sie hat niemand auf der Welt als midi. Lebt in einem ganz kleinen Hüttdien 
am Ende des Dorfes, hat nur einen kleinen Garten mit 20 Äpfelbäumen. 
Steht hart am weißen Felfen, wo oben die Adler ^ 

JOSE: <in Erinnerung) Äpfelbäume — ^ am Felfen ^ — Du bift aus 
meiner Provinz? 

CARMEN: Adi, lieber Landsmann, die Riemen fdineiden midi fo fehr ins 
Fleifdi, könnt Ihr mir nidit Erleiditerung fdiaffen? 

JOSE: Kann nidit, arme Sdiwefter,- 's ift die Vorfdirift. 

CARMEN: Idi habe eine Sdiwefter, ift eine Nonne im Klofter. <Sdineidet 
fidi felbft eine GrimalTe, an der man erkennt, daß fie eine Lüge fpricht) Sie ift aus der 
Art gefdilagen. Faulenzt und betet den ganzen Tag und was fie bei Nadit 
tut, weiß idi nidit. Idi arbeite, wie alle editen Navarrefen. Oh, Herr Offizier, 



wenn idi nur wieder unfere weißen Berge fehen könnt'. Sehnt Ihr Euch 

nicht auch danach? 

JOSE: Wer folite fich nidit danach fehnen, hier in diefem flachen Süden. 

CARMEN: Sie haben midi befdiimpft, weil idi nidit aus diefem ekligen 
Lande bin, wo es nur Spitzbuben gibt und Händler mit verfaulten Orangen. 
Lind dicfe lumpigen Weibsbilder fmd über mich hergefallen, weil ich fagte, 
daß alle ihre Liebhaber zufammengenommen vor einem unferer Navar^ 
refcr Burfchen Reißaus nehmen würden, wenn er nur feinen eifenbefchla- 
genen Stock in der Fault hält. 

JOSE: <ladit glücklich) Ja, das glaub' ich wohl! Gebt mir eine Macjuila in die 
Hand <macht eine Sdileuderbewegung) und ich jag' eine ganze Bande in die Flucht. 

CARMEN: Kamerad, könnt Ihr nichts für eine Landsmännin tun? Hättet 
Ihr nicht auch jedem übers Geficht gefchnitten, wenn er Eure Heimat be- 
fchimpft? 

JOSE: Bei unferer heiligen Frau vom Berge, ich hätt's auch getan! 

CARMEN : <fet2t fich auf einen Tifch und legt ihre gebundenen Hände auf feine Schulter, 
drüdit fidi leicht an ihn) Guter Junge, wie es mir wohltut. Euch fo reden zu 
hören. Ich lieb' Euch, weil Ihr fo tapfer für die Heimat einiteht. Ich möcht' 
Euch umarmen wie eine Schwelter -^ — hab' aber die Arme nicht frei! 
<Sie wartet) Wir haben diefelben Gedanken, dasfelbe Herz — — die Arme, 
tun mir fo weh '-' — <Jofe öffnet, ohne ein Wort zu fagen, die Riemen. Sie lächelt 
ihm verführerifch zu, fdiüttelt die Hände, um das Blut durdifließen zu lalTen und ergreift 
dann gleich ihre Kaffiablüte, die fie auf dem Tifche fieht, Sie wirft ihm die Blüte ins 
Gefidit.) Dank, Landsmann! (Setzt fich wieder auf den Tifdi) Ich hab' zu Haus 
einen blauen Rock — ' 

JOSE: wie ihn die Mädchen bei uns tragen? 

CARMEN: Ja, ich trag' ihn nur in meiner Kammer. Hier unter den Fremden 
mag ich nicht. Und meine Zöpfe fallen lang herab. Kommt, befucht mich 
mal ^ ich zeig es Euch. 

JOSE: Schwatz nidit. Du mußt jetzt ins Gefängnis. 

CARMEN: O guter Offizier. Nidit, nidit. Liebt Ihr die Freiheit nidit 
ebenfo wie ich? Ich geb' mein Herzblut her für Freiheit, fo wahr mir alle 
Heiligen — -- nein, das ift die wirkliche Wahrheit. — Ich will zurück nach 
Etchalar, weg von diefen elenden Weibern und feigen Hallunken. Zu unferen 
Felfen will ich, zu den weißen Bergen, Noch vor einigen Monaten bin idi 
auf den weißen Steinen gelegen, hoch oben, nur auf ein bißchen Moos ge^ 

16 



bettet, und fah in den klaren Himmel hinauf — und oben kreifen die Adler, 
immer kreifen die Adler, imd man hört tief unten im Wald das^ Wild 
fdireien und rundum nidits, nidits als die freie Natur. 

JOSE: (drückt fich ans Herz) Idi erftid^e hier, wenn Du nur davon fpridift. 

CARMEN: Weshalb lebt Ihr denn hier, Herzenskamerad? 

JOSE: Hab' Unglüdv gehabt. Bin mit einem Burfdien in Streit geraten. 
Foditen es mit der Maquila aus (Carmen nickt verftändnisvoll) — mußte das 
Land verlalTen. 

CARMEN: Ließet Eudi hier anwerben. 

JOSE: Sind nodi andere Landsleute bei den gelben Reitern,- Longa und 
Mina, die beide von Pampeluna kommen, fmd gar Hauptleute geworden, 

CARMEN: Das gelingt Eudi fidier audi. So ein feiner, hübfdier, ftarker 
Mann. Und dann feid Ihr ein großer Herr, und wir oben, wir armen Bauern, 
werden fo ftolz fein, wenn einer nadi dem Norden kommt und es erzählt. 

JOSE: Damit hat's nodi gute Wege. Aber avancieren tat' idi gern, mödit' 
Stabsoffizier werden. 

CARMEN: Ihr werdet es gewiß. Ein Navarrefe ift zwölf Andalufier wert 
(fie trippelt vor Ungeduld) und ^ und die Zeit vergeht und Ihr folltet ein 
bißdien Mitleid mit mir haben. Ihr werdet in Freiheit fpazieren gehen und 
habt rafdi die arme, einfame Landsmännin vergelTen, die im Lodi fitzen muß. 
<Sie fitzt mit übergefdilagenen Beinen auf dem Tifdi, fo daß man ein gutes Stück vom 
Strumpf fieht. Sie hat ein Loch darin und ftedit jetzt den Finger hinein) Ho, hier ift audl 
ein Lodl, <Lacht) Madlt nid»ts. -^ Madlt's was? <Er ftarrt auf ihre Beine und fdiüttelt 
den Kopf/ fie fchlägt das andere Bein über) Hier i(t keines. <Sie lächelt, fpielt mit ihm. 
Jetzt fpringt fie auf, läuft zum Fenfter) Rafdi, Landsmann, was gefdiieht mit mir? 
Wollt Ihr midi wiederfehen mit meinen Hängezöpfen und in meinem blauen 
Rodi? Herzensjunge, wir könnten gute Freunde werden. <Sie fdimiegt fich an 
ihn,- läuft wieder zum Fenfter, wo fie auf einen SelTel fteigt) Zum Teufel, dort kommen 
Eure Soldaten (auf ihn zu, legt den Arm um feine Schulter). 

JOSE: Was kann idi tun? 

CARMEN: Einer Landsmännin einen kleinen Dienft erweifen und ewige 
Dankbarkeit —' 

JOSE: Aber — die Vorfdirift — und es läßt fidi ja nidits tun. 

CARMEN: <rafch) Gebt den Efeln \o\-\ konfkribierten Kaltilianern irgend 
einen Auftrag — ftellt Eudi vor die Tür — idi ftoß' Eudi — Ihr fällt — 



ich lauf davon — Ihr verfperrt den Kanaris den Weg! Ja? Landsmann — 
wir fehen uns wieder — Ihr hört von mir — 

[OSE: <rtockend> In Gottes Namen, Landsmännin, — und fteh' Dir die 
heilige Jungfrau bei. <Die Soldaten treten rafch ein.) 

4. SZENE. 

t. SOLDAT: <ralutiert> Leutnant Jiminez kommt fofort. 

JOSE: (unbeholfen) Madit Ordnung hier ^ idi bewadie die Carmencita. 
(Soldaten räumen am anderen Ende des Saales die umgeworfenen Stühle und Bänke auf.) 

CARMEN: Süßer Junge, auf Wiederfehen. <Sie gibt ihm einen heftigen Stoß 
vor die Bruft, er fällt hin) Da, küß' mir den Fuß <und fdiiebt rafcfi eine Bank vor 
die Tür rechts, fpringt über die Bank und ab). 

5. SZENE. 

JOSE: Francisco! Pedro! Rafdi! Ihr nadi! Helft! (Während die beiden Soldaten 
hinzufpringen und die Bank wegfchieben, um hinauszueilen, ftoßen fie in der Tür mit Leutnant 
jiminez zufammen.) 

JIMINEZ: Tölpel! Was gibt es? (Soldaten wollen hinaus) Stillgeftanden! 

JOSE: (ängftUch) Herr Leutnant, meine Gefangene ift entwifdit. 

JIMINEZ: Was? Was unterfteht er fidi zu fagen? Das Frauenzimmer, das 
eben um die Ed^e — ! (Soldaten wollen wieder hinauseilen) Halt! Wer hat fie 
cntwifdien laffen? 

PEDRO: Wir haben nidits gefehen,- wir hatten den Befehl aufzuräumen,- 
Jofe, der Brigadier — 

JOSE: Sie hat mir einen Stoß gegeben, idi fiel der Länge nadi — und 
weg war fie. 

JIMINEZ: Das Frauenzimmerdien hat Dir Riefenburfdien einen Stoß 
gegeben ^ ei, ei. Weldie war's denn yov\ den Arbeiterinnen? 

PEDRO: Carmen war's, Herr Leutnant. 

JIMINEZ : (ladit) Na, da ift ja die Sadie klar. Alfo wenn uns ein Gefangener 
entwifdit ift, werden wir eben einen anderen an feiner Stelle einfperren. 
(Zu den Soldaten) Nehmt den Mann in die Mitte ! 



JOSE: <3u Tode erfcfirodien) Herr Leutnant — — 

JIKIINEZ: Ruhe! — Beim Wachtmeilter melden — den Säbel abgeben — 

(dreht lieh um und Treckt lidi eine Zigarette an). 

JOSE : (fteht gebrodien, (tarrt einen Moment vor fidi hin, bemerkt die Kaffiablüte auf 
dem Boden, hebt fie auf und fteckt fie in die innere Brufttafche, dann ftellt er fidi zwifdien 
die beiden Soldaten), 

JIMINEZ: Auf die Wadie! Und in den Arreft. Wir werden ihn Pflidit- 
Verletzung lehren. Habt adit, marfdi! (Die Soldaten mit Jofe in der Mitte durdi Tür 
redits ab. Leutnant raudiend und fchlenkernd hinter ihnen ab.) 



VORHANG. 



\ 



»9 



II. BILD. DAS HAUS IN DER CANDILEJOSTRASSE, 

SEVILLA 



Sevilla. Ein Zimmer in einem Haufe der Candilejoltraße. Es ilt fpät abends 
und der Raum ift nur fpärlidi durdi eine Lampe beleuditet. Redits Hinter^ 
grund fleht man eine Art Bett, einen Strohfack mit einem fdimutzigen Poifter. 
Dann einen alten, zerfetzten Koffer. Von der Decke hängt eine lange Sdiweins^ 
haut <mit Wein gefüllt), dann hängen Ketten von Zwiebeln. Links vorne 
zwei Holzftühle und ein Tifdi, Hintergrund ein Fenfter auf die Straße hinaus,- 
redits vorne fteht eine halbgebrodiene, lebensgroße Puppe, die mit Kleider^ 
fetzen behängt ilt. Die einzige Tür ift links Hintergrund,- fie ift mit einem 
Holzbalken verfperrt. 

Im Zimmer find Dorothee und das Zigeunerkind,- beide fo verrottet und 
unheimhdi wie der ganze Raum. Die Alte fitzt auf dem Strohfad^ und braut 
irgend etwas in einem großen Topf. Die Flamme ihres offenen Feuers 
beleuditet fie fdiarf, das übrige Zimmer ift im Dunkel, 

Wenn der Vorhang aufgeht, hat die Alte das Kind übers Knie gelegt und 
fdilägt es tüditig. Das Kind fdireit. 

20 



1. SZENE. 

KIND: Au, au, laß midi los, laß mich los. Du drehft mir das Ohr ab! 

DOROTHEE: Verfudi's nodimal oder \d\ fdilag' meinen Stod\ an Dir ent^ 
zwei. <Das Mädcfien geht zur Puppe und zieht ihr eine Börfe aus der Tafdie, aber die 
Puppe ift mit Glödvdien behängt, die läuten) Falfdi, falfdi, nidit ein Glöd\dien darf 
fidi rühren. (Das Kind verfudit es nodimals,- ein GIöd<dien läutet) Idi bredi' Dir die 
Finger, wenn Du nidit beJer aufpaßt. 

KIND: <verdrießlidi, weinerlidi) Idl paß' ja auf. 

DOROTHEE: Die Falten abtaften — ganz leidit — und die Knodien 
biegen — und mit zwei Fingern greifen (das Kind tut es und die Glöckdien läuten 
wieder). Jetzt hab' idi's fatt/ her da! (Ergreift den Stock) Zehn Jahre alt und kann 
nodi keine Börfe ftehlen, ^ her da! 

KIND: (läuft in die andere Ecke und ftedtt ihr die Zunge heraus) Ah, fällt mir nidit 
ein. 

DOROTHEE: Daher gehft Du! 

KIND: Fang' midi, wenn Du kannft. 

21 



DOROTHEE: Du Fredibalg, wann wirft Du endlich beginnen, nützlidi zu 
>x'crdcn? 

KIND: Idi kann mehr als Du. 

DOROTHEE: Ja, fpucken kannfr Du. 

KIND: Nein, das kannft Du befler. Spudft ja alles voll. Dafür gibt aber 
niemand Geld. 

DOROTHEE: Glaubft Du, es werden Dir die gebratenen Tauben ins 
Maul fliegen ? Teufelsfratz, her da ! <Wirft eine Zwiebel nach ihr.) 

KIND: (fängt die Zwiebel gefcfiickt auf und benagt fie fofort) Danke, Großmutter. 
Mir fliegen die rohen Zwiebeln in den Mund ^ audi gut. 

DOROTHEE: Wirft Du hieher kommen oder muß idi aufftehen? 

KIND: Mußt fdion aufftehen, wenn Du midi fdilagen willft. 

DOROTHEE: Jetzt reißt mir bald die Geduld. <Madit Miene aufzuftehen. Das 
Kind fudit, wo es entwifdien könnte) Bin idi audi in Wolle gewid^elt, bin idi dodi 
kein Lamm <humpelt erftaunhch rafch hinter ihr her). 

KIND: Du ein Bäh-bäh? O nein, eher ein Wau^wau (entwifdit ihr), 

DOROTHEE : <hält ftodend ein) Wädift mir fdion über den Kopf, — wie mir 
Carmen über den Kopf gewadifen ift. 

KIND: Was braudi' idi an der dummen Puppe zu arbeiten? Auf der 
Straße treff' idi's fdion, 

DOROTHEE: Alfo geh' auf die Straße,- geh' in die Kirdie. 

KIND: Wenn fie aus Sdiweinefleifdi war, ging idi hin und nagte fie ab. 

DOROTHEE: Wie Carmen fo aft war wie Du, hat fie einmal zehn 
Dukaten aus der Kirdie nadi Häuf gebradit,- <in Erinnerung) aber Carmen 
war ein Fudis. 

KIND: Carmen tanzt und tut, was fie will. Idi mödit' audi lieber tanzen, 
als Börfen ftehlen. <Madit ein paar Tanzbewegungen.) 

DOROTHEE: Tanzen, Du Zeifig, dürrer. Wart' nodi zwei Jahre, dann 
bring' idi Didi nadi Gibraltar, wo die englifdien Offiziere find — 

KIND: Die Krebfe mit den roten Roden? 

DOROTHEE: Dort follft Du tanzen. Das wird Doublonen geben. 

KIND: Alfo lehr' midi Wahrfagen und Kartenauf fdilagen. 

22 



DOROTHEE: Auch dazu bift Du noch zu jung. Um wahrzufagen, muß 
man lügen können. 

KIND: Lügen kann ich. 

DOROTHEE: Um lügen zu können, muß man die Menfdien kennen,- um 
die Menfchen zu kennen, muß man felbft ein Menfch gewefen fein. 

KIND: Bin idi kein Menfdi? 

DOROTHEE: Haft Du fdion die Räude gehabt? Bift fdion von Dorf zu 
Dorf gepeitfcht worden? Sind Dir dreizehn Kinder geltorben und hat Dich 
Dein Mann verraten? Bift Du zwei Jahre im Loch gehockt? — Das alles 
bringt das Leben — und das macht einen Menfchen. Nur wer das Leben 
lefen kann, kann Karten lefen. 

KIND: (ftampft) Alfo, was kann ich tun? 

DOROTHEE: Ein braves Kind darf den Sack nicht vergessen, wenn es 
Kartoffeln ftehlen geht. Ein braves Kind muß auch ein paar Stocl\hiebe aus^ 
halten können. Willft aber Deiner Großmutter gar kein bißchen Freude 
machen. (Man hört unten an die Straßentür klopfen) Holla, wer kann das fein? 
<Kind zum Fenfter.) 

KIND: Es ift fmfter, ich kann nichts fehen — Carmen, glaub' ich (die Alte 
zündet eine Laterne an und humpelt zum Fenfter,- es klopft ftärker und dann trommelt jemand 
ftark und im Übermut an das Tor). 

DOROTHEE: (hält die Laterne aus dem Fenfter) 's ift Carmen und noch jemand,- 
wer fonft würde fo übermütig fein. (Zum Kind) Lauf und öffne das Tor. 
(Nimmt den Querbalken von der Tür, Kind ab. Dorothee uirft einen Lumpen über die 
Puppe und ftelft ihren Topf weg.) 

z. SZENE. 

(Carmen und Jofe treten ein. Das Kind hinter ihnen, bleibt neugierig in einer Ecke ftehen. 
Jofe, in gelber Uniform, hat beide Arme voll mit Paketen, Flafdien, Obft.) 

JOSE: Guten Abend, Mütterchen. 

CARMEN: Läßt midi die halbe Nacht draußen warten, was? Dorothee — ! 
(Macht die Gefte des Hinausueifens,- Dorothee brummt und macht fidi beim Strohfadv zu 
fchaffen. Carmen zündet eine größere Lampe an, wodurch es viel heller wird. Jetzt fpringt 
fie auf Jofe zu, nimmt eine Flafche Anifette aus feinem Arm, pad\t Dorothee beim Nacken 
und fdiüttet ihr den Likör in den Mund. Das Kind amüfiert dies fehr.) So. Schmedxt's? 
Eort mit Dir! Hier ift was Süßes, und morgen früh bekommft Du noch. 

23 



Rafch, rafch, fort mit Eudl ! {Schiebt das Kind und die Alte ohne viel Aufhebens, aber 
energildi hinaus, legt den Querbalken an und fteht jetzt ladiend.) 

3. SZENE. 

CARMEN : JofcitO ! <Sie ftreift ihm alle Pakete von den Armen, daß fie zu Boden fallen 
und >x'irft ihre Arme um feinen Hals.) 

JOSE: Carmen ^ idi ^ idi -- 
CARMEN: Was denn, was? 
JOSE! Idi liebe Didi! 

CARMEN: Das weiß ich, Kanarienvögeldien,- das wußte idi, mein gelbes 
Tölpeldien, als idi Dir die Kaffiablüte ins Gefidit fdilug ^ da wußte idi, 
daß Du midi liebft, daß Du midi befreien würdeft, daß Du für midi ins 
Gefängnis wandern wirft, daß Du bereit bift, alles für midi zu tun, daß Du 
Dein Leben geben willft ^ 

JOSE: Ja, Carmen, alles, alles. O, wie hab' idi das herbeigefehnt! Jede 
Minute im Gefängnis hab' idi an Didi gedadit und wie es war', wenn idi 
Didi in meinen Armen halten könnt'. <Als könnte er es nidit fallen) — Jetzt 
halt' idi Didi. O, Carmen, wie idi Didi liebe. 

CARMEN : Heut' zahl' idi meine Sdiuld. <Sie fährt ihm wütend ins Haar, beugt 
feinen Kopf zurüdt und küßt ihn fdiallend auf den Mund. Als er fie wieder fallen will, 
fpringt fie weg und auf den Tifch,- er ihr nadi, fie fpringt herab und ihm in die Arme, Läßt 
fidi von ihm umarmen und küllen.) GlaubftDu nodl <lachend>, »idi bin auS Etdialar 
im Baskifdien?« 

JOSE: Du ftammlt aus dem Lande Jefus, zwei Sdiritte vom Paradies, und 
wenn idi Didi külTe, bin idi audi dort und hör' die Engel fingen. 

CARMEN: Na, mit diefer Gegend hab' idi bisher nodi wenig zu fdiaffen 
gehabt. Idi glaub' eher, meine Verwandtfdiaft kommt vom anderen Ort. 
(Zeigt lachend nadi unten,- meint Hölle.) 

JOSE: Spridi nidit fo, mein Glüd^ kann nur vom Himmel fein und Du 
bift — — <küßt fie lange, fie gibt fidi hin, erwadit aber und fdiüttelt ihn ab). 

CARMEN: <in fadiHdierem Ton) Genug geküßt. <Ladit ihn an) Später wieder. 
Setz' Didi, Jofeito — und plaudern wir. Idi bin heute Deine Romi, <er fieht 
fie verftändnislos an und fie erklärt.) Deine Frau, und Du mein Rom, mein 
Mann <fie legt die Speifen auf). Du halt mir einen Dienlt erwiefen, vor vier 
Wodien — idi bin Dir zwar keine Dankbarkeit fdiuldig, denn Du gehörfi: ja 
nidit zu uns,- aber idi werde meine Sdiuld bezahlen — (ftredt ihm die Zunge 
heraus) weil idi will. ^^ ^;; .. 

24 



JOSE: Warum fprichft Du von Schuld, Carmen, meine Seele! Warum vom 
Bezahlen? Ich hab' nichts für Dich getan, was ich nicht taufendmal und 
taufcndmal von neuem täte. 

CARMEN: Albern genug warft Du dazu. Idi bezahle, weil Du nidits 
verlangt haft. Deshalb follft Du's haben. 

JOSE: Immer fpöttelft Du. Unfere Mäddien im Norden fmd anders ^ 

CARMEN: (rafdi) Nun, nimm Dir eine von ihnen! Was kommft Du hierher? 

JOSE: Adi, ich gab' alle Mädchen aus Alava, Biskaja und Guipuzcoa her 
für einen Kuß von Dir. Daran hab' ich vier Wodien lang gedacht — wie 
das war' ^ ein Kuß von Dir. Ich vergaß die Heimat, die Mutter, alle 
blonden Mädchen und unfere Felfen. Ich fah Deine blitzenden Augen falt 
fo deutlich wie jetzt — Deine famtene Haut. <StreidieIt fie) Carmen, mein 
Reh. Idi fah die zierlichen Füßchen <ne hebt das Kleid ein wenig, fredi, nondialant) 
und die Kaffiablüte, die ich ins Gefängnis mitgenommen hatte, fie roch 
nach Dir. <Zieht aus feiner Brufttafche die getrocknete Blüte hervor) Tag um Tag faß 
ich an meinem Gitterfenfter und fchaute mir die Augen aus. Sah Hunderte 
vorübergehen, aber Carmen nicht. Wo warft Du, Carmen? 

CARMEN: Hab' Gefdiäfte gehabt. 

JOSE: Nur wenn ich daran roch, <zeigt die Blüte) da fühlte idi Dich ganz 
deutlich neben mir. Da fchloß ich lieber die Augen und träumte und war 
traurig —' die erften Tage ^ weil ich dachte. Du hätteft mich vergelTen. 

CARMEN: Sagte idi nidit, daß Du albern bift, füßer Junge. Hab' idi Dir 
nicht durch den Wärter in einem Brot eine '^2igz hineingefchmuggelt und 
ein Goldftück dazu? Bleibt der Tölpel die ganzen vier Wochen im Loch, 
(Ladit unbändig) So ein Narr! Warum bift Du denn nicht durchgebrannt, die 
^2i%t fchneidet die ftärkften Stangen durch. 

JOSE; Ich bin ein Soldat ^ und kein Bandit. 

CARMEN: O 

JOSE: Meine Strafe war gerecht. Für Deinen guten Willen dank ich Dir 
aus ganzem Herzen. Du weißt nicht, was mir Deine Botfdiaft war, dort in 
der Einfamkeit — und hier -- hier ift das Goldftück zurück. 

CARMEN: (greift gierig danadi, beißt es, fpuckt darauf und fteckt es ein) Du bift 
dümmer, als ich Dich gehalten hab',- mit Dir wird es ein böfes Ende nehmen, 

JOSE: Nidit, folange idi Didi hab' - 

26 



CARMEN: Laß mal fehen <läuft zum Strohfad, zieht ein Päddien fdimutziger 

Karten hervor,- kommt wieder zum Tifdi. Jofe hat den Säbel abgenommen. Carmen padt 
ihn von hinten beim Kopf und küßt ihn) Ich glaub' beinahe, idi hab' Dich lieb. 

JOSE; <hält fie feft) Wie Deine Augen leuditen. Löfdi die Lampe aus, 
Carmen, und fag' dem Mond, er braudit heut Nadit nidit fdieinen. 

CARMEN: No, no, nur nidit fo — — , lange wird's nidit dauern! Hund 
und Wolf halten nidit lange Haus. 

JOSE: Reiß' mir nidit durdis Herz. 

CARMEN : (greift in einen langen Sad< und holt eine getrodnete Maulu-urfshaut hervor) 
Wie gefällt Dir diefes Sdioßhünddien ^ eine Maulwurfshaut — gegen 
Krankheit. Und hier ift ein Magnetftein ^ und Krammetsaugen ^ und 
eine getrodnete Kröte — und das ift Barladiipulver, um alle Frauen in 
Didi verliebt zu madien. Ha, das geb' idi Dir jetzt nidit,- mußt midi 
allein lieben. 

JOSE: Braudi' kein Hexenpulver dazu. Kein Menfdi kann Didi ftärker 
lieben als ich. 

CARMEN: Das braudit alles Dorothee — fie braut Tränke und Medizinen 
und kann Geifterliditer befdiwören. 

JOSE: Leg' das Zauberzeug weg. 

CARMEN: Soll idi Dir ein Totenlicht befchwören? — Hier ift Bernftein^ 
kreide. <Er proteftiert) Ich mach' dreimal einen Kreis und löfch' das Licht aus, 
und wenn's finfter ift, leuchten die Striche und dann muß man die niemals 
gefprochenen Worte fagen und dann zittert alles im Zimmer und dann (geheim- 
nisvoll) dann kommt er. (Paufe,- fie ladit hell auf.) 

JOSE: Leg' alles weg — idi mag das nicht. Ich möchte ernft mit Dir reden, 
Carmen. — ^ Carmen, werd' meine Frau — — (fie bridit wieder in lautes 
Lachen aus) Wir gehen nadi Elizondo, ich hab' meine Mutter dort, mein Haus, 
mein Feld, Idi zeig' Dir meinen Stammbaum, auf Pergamentpapier. Den 
Titel »Don« trag' idi zu Recht. Ich bin ein Edelmann, ich — 

CARMEN: (hat fidi vor Ladien gewunden) Ich fall' ins Meer! (Gibt einer Fußbank 
einen Stoß, daß fie weit wegfliegt,- fie felber ift zu Boden gefunken und fitzt jetzt mit 
übergefchlagenen Beinen wie eine Türkin) Ich Deine Frau?! Senora Carmen, Senora 
Carmen — -— Jofeito, fchweig' ftill, fonit platz' ich. (Er fieht fie verftändnislos 
an) Verftehft Du nicht? Wenn Du unferen ägyptifdien Gefetzen gehordicn 
würdeft, mödit' ich vielleicht Deine Romi werden — ah, was red' ich — 
Närrifchkeiten — unmöglich ift unmöglidi — 



JOSE: Warum unmöglidi? 

CARMEN: <fpielcrirch> »Als Zigeunerkind zur Welt ^ ganz verloren auf ödem 
Feld — kam idi aus der Mutter Sdioß — Tau und Regen tauft' midi bloß « 

JOSE: Idi kann nidits Unmöglidies fehen. 

CARMEN: Und wenn idi fdion einen Mann hätte? 

JOSE: Du haft fdion -? 

CARMEN: Sdiweig' jetzt. Wir reden nidit von foldien Dingen. Du bi(t 
mein Mindioro, <er fieht fie erftaimt an, fie erklärt:) mein Geliebter. Das ift befler 
und füßer. Gib Didi zufrieden, folange es währt. <Sie legt die Karten auf den Boden) 
Das bilt Du, das bin idi ^ an dem Tage, an dem idi Pepita das Gefidit zer^ 
fetzte, bin idi einem Priefter begegnet -— hier ift der fdiwarze Mann -- das 
bedeutet nidits Gutes — zum Teufel mit ihm ^ o, o, Unglüd^, fdiweres Un^ 
glüdt für einen von uns — wer kann es fein? ^ Hoffentlidi Du, hofFentlidi 
Du, mein Mindioro. <Packt die Karten, wirft fie zornig in die Ecke und fpuckt nadi 
ihnen,- ftampft darauf herum) Ah was, wie's kommt, kommt es. (Stößt ein Meder 
in die hölzerne Tifdiplatte, fährt mit der Hand darüber und murmelt) Nav, nav, nav. 
<Nimmt ihre Kaftagnetten und klappert ein bißdien nadidenklidi damit) Zünd' morgen 
Deiner Madonna eine Kerze an — wirft ihren Beiftand nötig haben. 
(Anderer Ton) Haft leidite PapelitOS bei Dir? <Er gibt ihr eine Zigarette, die fie 
an einem ghmmenden Faden vom Herd anzündet.) Nun wollen wir eden. (Öffnet 
einige Pakete, ftellt Wein auf den Tifdi. Er fitzt meift ftill und beobaditet fie in Ver= 
zückung.) 

JOSE: Wie feltfam Du bilt, Carmen ^ wie das Wetter bei uns,- niemals 
ift in unferen Bergen das Gewitter näher, als wenn die Sonne fdieint. Lieb 
Didi wie die Heimat, wie unfere Berge, wie das Wetter und belTer als alle 
mitfamt. 

CARMEN: Hier ift Brot, Wurft und eine Flafdie Apfelwein für Didi. Idi 
trink' fußen Montella, davon könnt' mein Bübdien einen Raufdi bekommen. 
Soll idi Dir Reis kodien in Pfeffer? Oder willft Salat von Pimentkraut? 's ift 
nodi ein eingemaditer Hahn vom Mittag da. 

JOSE: Bin nidit hungrig, Carmen, nur hungrig Didi zu külFen. 

CARMEN: <elfend) Braudift fdiarfe Zähne, um midi hinunterzuwürgen/ 
erftidteft vorher an dem BilTen. Da, iß Obft. (Reißt eine Orange entzwei, beißif 
hinein, reidit ihm das andere Stück.) 

JOSE: Bin nidit hungrig, mag Orangen nidit. 
28 



L 



CARMEN: Magft Orangen nidlt? <Sie zerdrückt ihre Orange auf ihrem inneren 
Ellbogengelenk, daß der Saft in der Höhlung bleibt und hält ihm den Arm hin) Ich will 
Dich lehren Orangen elTen. Da, faiif'! (Er beugt fich über ihren Arm, faugt, küln 
den Arm dann weiter) Sauf, Kanarienvögelchen, <Er faugt) Du magft Orangen 
nicht? Der Herr mag Orangen nicht. <Er nickt ftumm) Magft fie fchon, was? 
Dacht mir's ja,- find füß und faftig. Na, na, friß nur den Teller nicht. Du 
beißt. Vögelchen, Du beißt den Teller entzwei. 

JOSE: Nodi, nodi! 

CARMEN: Ha, der Herr kommt auf den Gefchmack. Nein, (öffnet ein Pjket) 
Mandelgebackenes, (fdileckt mit der Zunge) füßes Eidotter mit Marmelade. Das 
ift mein Liebftes, könnt' Tag und Nacht davon elTen ^ ,- was noch? ^ Hier 
find Pflaumen. (Nimmt eine in den Mund und hält ihm den Mund hin, er beißt davon ab.) 

JOSE: Pflaumen fmd noch belTer als Orangen. <Er hält fie feft im Arm, fie fcfiüngt 
ihren Arm um feinen Hals,- er küßt fie lange auf den Mund,- flüfternd) Carmen, wenn 
ich Dich immer fo halten könnt', immer, immer. (Sie fieht ihn an, gibt ihm einen 
Stoß und fetzt fidi mit verfcfiränkten Beinen in eine Ecke auf den Boden.) 

CARMEN: Das wäre langweilig, mein Freund,- fchlag' Dir den Gedanken 
aus dem Kopf, (Sie ißt Bonbons aus einer Düte, wirft nach ihm, wirft einige an die Wand) 
Damit die Fliegen auch was haben (wirft nach dem Bett, macht nadi jedem Gegen- 
ftand Schießübungen) und die Zwiebel und die Puppe ^ imd mein Minchoro, 
der traurige Held. Was fitzeft Du fo trübfelig da? Kannft nichts reden? Bift 
plötzlich ein Kaftilier geworden? Bift fchläfrig, was? Was? (Wirft mit Bonbons 
nadi ihm.) 

JOSE: Ich bin fo glücklich wie noch nie im Leben — und bin fo traurig 
wie noch nie (de läuft auf ihn zu und fetzt fich auf feine Knie), 

CARMEN: Warum traurig? (Schmiegt fidi an ihn) Weinft gar? — »Schenk' mir 
Deine Perlenträne —' die Dir aus dem Auge rollt — nehm ich fie mit nach 
Granaaada ^ faß' fie in ein Ringlein von Gold — —« 

JOSE: Traurig ^ fagt ich traurig? O Carmen, Schmeichelkätzchen, wie 
glücklich bin ich. 

CARMEN: Ich hab' Dich lieb. Du dummer Bengel,- aber verfprich mir eines: 
morgen gehn wir auseinander und fehen uns nicht wieder. Verfprich es mir — 
weil ich Dich lieb hab'. 

JOSE: Nein, das verfprech' ich nicht. 

CARMEN: Ich warne Dich. Wir palTen nicht zufammen — die Karten 
fmd gegen uns. 

^9 



JOSE: <Ieidit forglos) Die Karten — — 

CARMEN: Spridi nicht veräditlidi von den Karten,- wir haben fie vom 
Often mitgebradit. Was ich leg', legt meine Hand,- meine Hand tut, was der 
Kreifel in meinem Hirn befiehlt. Der Kreifei dreht fich, wie die Geftirne 
kreifen. Und fchau' auf den Himmel hinauf, überallhin: alles bewegt fich. 
Der Sturm beugt die Bäume, Berge platzen und die Erde bebt — aber 
nimmer ändern fidi die Sterne. Was wir Gitanos wilTen, wilTen wir aus den 
Sternen. — Dorothee hat recht. Sie fagt, es ilt nicht fchwer den Menfchen 
wahrzufagen! Die Menfchen find dumm, dumm, dumm. (Klappert mit ihren Kafta^ 
gnetten, geht rund um ihn herum, lächelt ihm verführerifch zu, beginnt halblaut einen Singfang 
und deutet nur Tanzfdiritte an.) 

Fledermaus ^ fchwirrt ums Haus, 

Burfche wartet auf fein Liebdien, (Kaftagnetten) 

Liebchen — ift die TeufeÜn, 

Sdiwirrt zur Nacht ^ wenn niemand wacht. 

Als Fledermaus — rund ums Haus, (Kaftagnetten) 

Burfche fchläft — und träumt vom Liebdien. 

Liebchen fitzt auf feiner Bruft 

Als Fledermaus, als Fledermaus, 

Saugt und faugt ^ das Blut ihm aus. 

Das Blut ihm aus, (Kaftagnetten) 

JOSE: Ein garftiges Lied,- aber wenn Du es fingft, lieb ilt es. 

CARMEN: (bettelt) Ein Goldftück, -- fchöner Herr. (Nimmt feinen Helm, um 
abzufammeln) Für das Lied ein Goldftück! 

JOSE: Hab' kein Goldftück mehr, Carmen, mein Augenlicht, Bin ein armer 
Burfch' ^ haben heute alles ausgegeben, um dies da einzukaufen. ^ (Zeigt 
auf die Eßwaren) Aber morgen bring' idi Dir was Schönes. 

CARMEN: (anderer Ton) Brauch' nichts von Dir, ^ nehm' nichts von Dir. 

JOSE: Ich hab' einen goldenen Taler, der ift hunderte von Jahren alt,- trag 
ihn fonft an einer Kette um den Hals, Mein Vater hat ihn getragen vor 
mir und feiner vor ihm audi, 

CARMEN: Der Herr will mich bezahlen? Will nidit mein Liebfter fein? 
Pfui ! Pfui ! (Zündet fidi eine Zigarette an) Mag Dich nidit mehr. Zahl' mir Deinen 
Taler! (fdimollend) 

JOSE: Was fprichft Du Häßliches, Carmen? (Man hört eine Kirdienglode ii Uhr 
fdilagen) Es ift 11 Uhr ^ wie die Zeit vergangen ift. Waren wir lange bei 

30 



Lillas Paftia? Gingen wir (tundenlang durdi die Stadt fpazieren? (Von ferne 
hört man jetzt fehr gedämpft den Zapfenftreich) Denn hier war's dodl erlt ein 
Augenblid^ -^ (horcht, ftockt, befinnt fidh) Der Zapfen (treidl, — — (Macht eine 
unwillkürliche Bewegung zu feinem Helm und Säbel) Idl muß gehen. (Carmen fpringt auf.) 

CARMEN: Wohin? 

JOSE: In die Kaferne. Zapfenftreidi ift's. 

CARMEN: (höhnifch) Bift ein Sklave, daß Du Didi vor dem Stod 
fürditeft? 

JOSE: Nidit vor dem Stod. Aber es ift Pflidit des Soldaten ^ 

CARMEN: (verächtlich) Pflidit! (Stampft mit dem Fuß) Küß midi! (Er tut es) 
Nodl, I^üß midi, küß midi, küß midi! (er tut es, fie lacht höhnifch, triumphierend 
und raucht dann weiter) — Die Kaferne kann fidi aufhängen, mitfamt dem Oberft 
und allen Kanaris — Du bleiblt bei mir —' (lockend) die ganze Nadit -- — 

JOSE : (fteht unfchlüITig-, zittert, atmet tief) Idl hab' heute keinen Erlaubnisfdiein ^ 

CARMEN: Idl geb' Dir den Erlaubnisfdiein, (Raudit und geht leichtfinnig herum.) 

JOSE: Carmen —' (fdiüditern) — bin Deinethalben vier Wodien im Arreft 
gefeflen ^ 

CARMEN: (dreht ficii wütend um) Hund! Wirfft mir das vor?! Bin idi nidit 
willig, meine Sdiuld zu zahlen? 

JOSE: Carmen, fei nidit böf, Idi tu ja alles, was Du willft, ^X^enn idi die 
Nadit bei Dir könnt' bleiben — (er erftickt beinahe) 's war' mein hödiftes 
Glüd^ ^ nur bedenk', hab' nidits als meinen Säbel ^ hab' gehofft, Wadit^ 
meifter zu werden ^ idi madi' mir nidits mehr draus (fie fieht ihn verächtlidi 
an), hab' den Arreft auf midi genommen und tat' es wieder, nur ^ der 
Hauptmann hat gedroht, beim nädiften Mal der Pfliditverletzung werd' idi 
^ degradiert — dann ift es mit der goldenen Borte aus, für immer ^ 
werd' idl Soldat, gemeiner Poftenfteher -- und dann ift's aus mit mir. Laß' 
midi heut' gehen, Carmen, morgen, morgen abend ^ 

CARMEN: (höhnifch auflachend) Bift außen und innen ein Kanari, — Da — 
(packt den Säbel und wirft ihn ihm vor die Füße) Geh' in Deine Kaferne ! Hunger- 
leider, laß Didi weiter füttern vom König mit Stod^fifdi und Kommisbrot, 
Du Hafenfuß, (Gebärde des Ekels, wifcht fich den Mund) Haft midi geküßt, räudi^ 
ger Hund. Hinaus! Hinaus! (Spucict nach ihm.) Icfi fpud^ auf Didi! Und hüte 
Didi, wenn idi Dicii nodimals vor die Augen krieg' — beim großen Sdiiwa 
— idi fdineide Dir ein Meder durdi den Baudi. (Gebärde des Auffdilitzens.) 



JOSE: Carmen, fo kann idi nidit von Dir, Sei gut zu mir, <Kniet vor ihr, fie 
ftöPr ihn mit dem Fuß, daß er fällt.) Was hab' ich denn getan? Wollt' meine 
Pflicht tun, weiter nichts. Hat denn ein Mann keine Ehr' im Leib? 

CARMEN: (ftampft) Hinaus! 

JOSE: Der Zapfenftreidi ift nun vorüber ^ fieh', idi bleibe, nur fei gut 
zu mir. Ich laß' mich degradieren ^ was Du willft, nur fei gut zu mir. Icii 
wäre ja bloß Deinethalben gern Waciitmeifter geworden ^ wenn's Dir nidits 
ausmadit, mir ift es einerlei. Sag', daß Du mir verzeihft, daß idi Dein — 

CARMEN: <ihre "Wut ift verraudit, fie klappert mit den Kaftagnetten, geht wie eine 
Katze um die Maus um ihn herum,- er Itockt mitten im Satz,- kennt fidi in ihr nidit aus) 
Mein Goldvögelchen kriecbt in den Käfig zurück. <Er faßt ihre Hand und küßt 
fie) Frißt aus der Hand. ^ Bift ein widerhaariger Gefelle — kann mir aber 
nicht helfen. Du gefällft mir. <Er will fie umarmen, fie weidit aus und läuft ans andere 
Ende des Zimmers) Ho, ho, Kamerad, heut' abend fmd wir fertig. Heut' Nacbt 
wird Buße getan für Deinen Trotz. Idi werd' Dich lehren. Jetzt bin ich Dein 
Hauptmann. Stillgeftanden ! 

JOSE: Carmen, küß' mich, daß ich vergelTe, 

CARMEN: Du kannft zum Teufel gehen, wenn Du vergelTen willft. 

JOSE: Carmen, das kann Dein Ernft niciit fein ^ ich hab' meine Zukunft 
hergegeben für diefe Nacht — Du haft verfprochen — 

CARMEN: Was hab' idi verfprodien? 

JOSE: Du halt: verfprodien, wenn ich bei Dir bleib' -- — 

CARMEN: Ich weiß von nichts. Ich habe nichts verfprochen. Ich tue, was 
mir beliebt. Du kannft meinetwegen auf der Straße fchlafen / ich brauch' Dich 
nicht. Dort ift die Tür. <Er läuft finnlos auf fie zu und packt fie,- fie kämpft mit ihm, 
kratzt, beißt und reißt fidi los,- er hält feine gebilfene Hand.) Mich zwingft Du nicht 
— ich geh' nadi meinem Kopf. — Haft die Rechnung ohne den Wirt gz= 
macht, Navarro! Ich mag' die Leute nicht, die fich lang bitten laßen. Was 
ich Dir bot heut' Nacht, dafür gibt's in Sevilla Liebhaber genug — 

JOSE: Carmen! 

CARMEN: Idi habe Didi gewarnt. Mit mir ift nidit gut Kirfdien elTen, 
audi nidit Pflaumen — Du bift frei,- kannft gehen, und dank' Deiner Ma- 
donna, daß Du heil aus diefem Zimmer kommft. <Sie fteht an einem Ende des 
Zimmers und mißt ihn fredi. Er nimmt feinen Säbel unterm Arm und fteht am andern Ende 
ihr gegenüber,- mit dufterem, dodi hungrigem Blick. So melTen fie fidi. Dann wird er weidi.) 

V- 



JOSE: Leb' wohl, Carmen. Id» weiß nicfit, i(t mein Kopf verwirrt heut' 
Nacht, oder bift Du ein Weib, anders als alle anderen, die idi kenne, Idi 
weiß nidit, was mir ift. Idi hab' gedadit, idi werde einftens Offizier, — — 
das i(t vorüber und — und jetzt jagft Du midi fort — und dennodi kann 
idi Dir nidit böfe fein. Leb' wohl, Carmen — — <er geht zur Tür. Sie fchieftt 
auf ihn zu, reißt ihm den Säbel fort, wirft ihre Arme um feinen Hals und fchreit). 

CARMEN: Jofeito! Nodi fmd wir nidit quitt. Gitanos haben Gefetze fo 
wie ihr. So lang' Du lebft, follft meine KülTe nidit vergeden. Mindioro, trag' 
midi! <Er trägt fie zum Bett,- dort entfdilüpft fie feinen Armen, löfdit rafdi das Licht aus. 
Die Bühne ift ganz fmfter. Unter KüHen erftickt) Idi — zahle — meine Sdiuld ^ — 



VORHANG 



III. BILD. AM KAI VON CORDOVA 



1 



Kai von Cordova. Redits ift das Kaigeländer, wo diditgedrängt das Volk 
fteht. Es wird angenommen, daß hier eine tiefe Mauer abwärts zum Fluß 
führt. Dort hinab fieht das Volk. Gegen den Hintergrund ift eine Brücke, 
über den Guadalquivir. Anfdiließend ein Häuferblod^ mit Balkons, Fenftern, 
etc. Die Mitte der Bühne wird von der Straße eingenommen. Links fteht in 
einem Gartenvorhof, dem fogenannten Patio, das Haus des Oberften. Das 
Haus hat einen Vorbau, der auf Säulen fteht. Im Vorhof hinten fmd 
Laubengänge mit Bänken und Tifdidien,- audi links vorne Tifdidien und 
SelTel. Der Vorhof ift gegen die Straße zu durdi ein offenes Eifengitter 
abgefperrt. Das Gitter ift in der Bühnenfront fo weitmafdiig, daß man bequem 
durdifehen kann,- gegen die Straße zu ift das Gitter teilweife von Gewädifen 
umrankt. In der Nähe des Tores ein Sdiildwadihäusdien. 
Wenn der Vorhang aufgeht, herrfdit reges, lärmendes Leben. Der Kai ift 
didit gedrängt von Männern,- die meiften fdiauen nadi unten gegen den Fluß. 
In der Mitte der Brüde fteht ein Straßenfdireiber. Auf dem Balkon fitzen 
zwei Frauen,- in einer Hausnifdie gegenüber fteht ein Mann und madit 
ihnen verftohlen Zeidien. Ein bHnder Bettler geht, von einem Knaben ge- 
führt und mit einem Stodi aufklappernd, durdi die ganze Straße, bettelt die 
am Kai Stehenden an und links ab. Die Sonne ift im Untergehen. Gaflen^ 
jungen hänfeln die Sdiildwadie, die fidi ihrer mit Säbelgefuditel erwehrt. 

34 



1. SZENE. 

1. MANN: Heut' ift noch Licht, heut' werden wir was fehen. 

2. MANN: GleidK wird das Angelus läuten. 

3. MANN: Was gibt es denn zu fehen? 

4. MANN: Jetzt noch nicht, aber gleidi. 

5. MANN <zum 3. Mann): Die Frauen baden hier am Abend, wenn das 
Angelus geläutet wird. 

4. MANN: Woher feid Ihr denn, daß Ihr das nicht wißt? 

3. MANN: Warum befticht nicht einer den Küfter, damit er früher läutet? 

2. MANN: Das war ein Spaß. 

4. MANN: Hat's einer ohnedies einmal getan. 

3. MANN: Nun, was gefdiah? 

1. MANN: Was gefchah? Die Weiber zogen fidi am helliditen Tag fpÜrter^ 
nackend aus. (Geläcfiter.) 

3. MANN: Splitternadt? 

3- 35 



MANN: Splitternackt. Sie glaubten dem Küfter eher als dem Sonnenlidit. 



2. MANN: Taten's nidit ungern, denk' idi, 

3. MANN: \d\ fdienk' dem Küfter gern ein paar Zigarren, wenn er's 
wieder tut. 

ANDERE: Idi audi, idi audi. (Geläditer.) 

(Gleidizeitig geht der Bettler auf und ab und fingt) 

BETTLER: <Ieifer Singfang) Helft dem Blinden — helft dem Blinden — kann 
allein den Weg nidit finden — ein Almofen, liebe Leute, Gott vergelt es 
eudi nodi heute — blinder Mann, blinder Mann, fidi allein nidit helfen kann. — 
Lebt wie ihr im Tageslidit ^ dodi er fieht die Sonne nidit. 

(Gleidizeitig und zwifdiendurdi) 

GASSENJUNGEN: <zur Sdiildwadie) Wie fdimedt der Stod^fifdi? - Kanari, 
fing' uns was ^ Gevatter leih uns Deine Piftolen! Wir möditen Spatzen 
fdiießen, Spatzen, keine Kanaris. <SdiiIdwadie fdilägt nadi ihnen. — Die Straße herab 
kommt die Wadiablöfung,- ein Waditmeifter und zwei Soldaten,- einer der Soldaten ift Jofe.) 
Hurra, dort kommt die Wadiablöfung! Kanari, bift froh? Wadifen Dir fdion 
die Füße in den Baudi? 

WACHTMEISTER : Stillgeftanden! <Die drei Soldaten ftehen nebeneinander) Parole. 
(Beugt fidi zum Polten, der ihm etwas entgegenmurmelt. Dann diefelbe Prozedur mit Jofe.) 
Poften vor! <AIter Polten und der z. Soldat treten vor,- Jofe bleibt ftehen) Links um, 
marfdl! <Marfdiiert mit feinen zwei Soldaten, wie er gekommen ift, ab. Jofe bleibt als 
Sdiildwadie ftehen, geht auf und ab oder fteht meifi: kerzengerade teilnahmslos mit gezogenem 
Säbel. Einige Männer vom Kai haben der Wadieablöfung zugefehen.) 

1. BURSCH: Ift das nidit Jofe Navarro? 

2. BURSCH: Meiner Treu, er ift es. Ein Hidalgo, der Poften fteht! Das 
muß idi mir näher anfehen. 

3. BURSCH: Idi bleib' hier, feh' mir lieber die Weiber an. 

2. BURSCH: He, Don Jofe, mußt wie ein Konfkribierter Poften ftehen? Was 
ift paftiert? 

JOSE: <Ieife) Laßt midi in Frieden. 

3. BURSCH: Sdieint nidit gut aufgelegt, feit ihm die Carmencita davon^ 
gelaufen ift. (Geläditer) Wollt' Offizier werden. Ja, Hodimut kommt vor dem Fall. 

2. BURSCH: Hat fidi gerühmt, er wird nodi Oberft. 
36 



4- BURSCH: Nun, jetzt fteht er Schild wadi vor feines Obcrften Haus — 
ilt beinahe dasfelbe. (Gelächter.) 

GASSENJUNGEN: Frißt des Königs Brot umfonft. 

1. SOLDAT: (Pedro) Laßt ihn, 's ift kein Vergnügen, Poften ftehen. Der 
Navarro hat Unglüd^ gehabt/ laßt ihn, kommt. 

2. BLIRSCH: Gleich muß das Angelus läuten. Wo fmd die Weiber heute! 

GASSENJUNGEN: Kanari, fmg uns was. (Ziehen ihn bei den Rodtfdiößen, 
einer uirft Steindien nadi ihm,- junge Mäddien kommen vorbei.) 

1. MÄDCHEN: O, Jofe Navarro muß Poften ftehen. 

2. MÄDCHEN ZUM 3.: Kennft ihn nidit? Er war in Sevilla Brigadier,- 
ließ die Carmencita entwifchen, als fie der dicken Pepita das Gefidit zerfetzte. 

MÄNNER: Ah, der ift's, der ift's! 

2. MÄDCHEN: Redit gefcbieht ihm. Was läßt er fidi mit Gitanas ein. 

GASSENJUNGEN: Kanari, fmg uns was. 

1. MÄDCHEN: In der Manufaktur haben fie erzählt, fie hat ihn fciilecht 
behandelt, ift ihm davongelaufen, da hat er fie alle Nacht gefudit. 

JOSE: Wenn Ihr nicht fortgeht, ftedi' ich den nädiften nieder. 

1. BURSCH: Nur nicht fo hitzig, Gevatter, Auch wir haben unfere Melfer 
bei uns. (Geläditer.) 

3. BURSCH: Braudift nidit fo ftolz zu fein, Don Jofe, fmd {'d\on belfere 
Leute Poften geftanden. 

4. BURSCH: Laßt ihn, 's ift hart genug für ihn. (Gehen gegen die Brüde. GafTcn- 
jungen tanzen um Jofe herum, der vor Wut und Sdiam nidit weiß, was er tun foll.) 

GASSENJUNGEN: 

Frühftück Stockfifch und Prügel, 
Mittag Prügel mit Reis, 
Abend Prügel ohne Zufpeif, 
Das ift des Kanari Lebenswcif. 

EINIGE : (am Kai rufend) Die Frauen, die Frauen ! (Alle lalTcn von Jofe ab und 
laufen zur Brüftung/ der blinde Bettler kommt zurück, fingt, aber niemand nimmt jetzt Notiz 
von ihm. Auf dem Balkon des Haufes — im erften Stock — ift ein Diener aus dem Haus 
getreten, dann wieder ins Haus zurück. Kommt nun mit dem Oberlten auf den Balkon, fprcdien 
leife miteinander.) 

37 



2. SZENE. 

VOLK: <unten am Kai) Da find fie -- Da find fie ^ Ha, die dide Anita. 
Idi kann fie an dem humpelnden Gang erkennen — Siehft Du die Große dort 

— auf die wart' idi heut Abend —' Ift aus Marabella, zwei Meilen von 
wo idi her bin — Viel Glück, Gevatter, mußt eine Leiter nehmen, wenn Du 
fie küiren wiilft — Heut find's mehr als fonft — 's madit das heiße Wetter 

— Dort läuft Micaela —' Red' nidit fo dumm — - Micaela liegt krank 
im Hofpital, meine Sdiwefter hat fie geftern befudit — Was fehlt ihr 
denn? — Hat fidi mit einem Kavalleriften eingelalTen ^ Die Peft auf 
diefes Gefindel. 

OBERST : <auf dem Balkon,- fpridit in die offene Tür) Meine Herren, das Sdiau* 
fpiel beginnt fofort. <Es treten heraus Lord Debenham, General Tripaud, Capitaine Sequin 
und Lucas, der Stierkämpfer, Die drei Offiziere find in Uniform,- Lord Debenham in fdiar- 
ladirotem Rock, die Franzofen in roten Höfen, Lord Debenham, wirkt durdi feine Sdiweig^ 
famkeit, feine Steifheit und Würde etwas komifdi. Die beiden Franzofen find durdi ihre 
übertriebene Beweglidikeit und ewige Erregtheit fehr grotesk. Es werden Erfrifdiungen gz" 
reidit.) Lord Debenham und Capitaine Sequin find erft feit kurzem in Gibraltar 
Rationiert und kennen die Gebräudie unferes Landes nidit, 

LUCAS : Da wollen Sie ihnen die »Sitten« von Cordova zeigen. 

GENERAL: <blidt auf die Szene und den Fluß hinab) Quelle vue magnifique, 

CAPITAINE: Weldie Anblid^ magnifique - 

VOLK : <unten am Kai) Die Sonne ift unter — Warum läutet denn der Küfter 
nidit — Was tun die Weiber dort — Stehen alle auf einem Haufen —' 
haben was gefunden — Einen Krebs ^ Die Engländer dürfen fidi in Spanien 
viel erlauben. Aber dort hinunter darf dodi kein Krebs. <GeIäditer) ^ Eine 
alte Münze vielleidit ^ na, runter mit den Kleidern — He, hört ihr nidit 

— Runter mit den Fetzen — Zeigt, was ihr zu zeigen habt — <GeIäditer) 
's ift nidit viel — Mandimal zuviel ^ 's wird gleidi finfter und dann hält man 
eudi allefamt für fdiwarze Kühe —' Stoß' nidit, idi war zuerft hier -— Na, 
haft wohl den Platz gepaditet — Caramba, weg da — Nidit ftreiten -- 's ift 
Platz für alle ^ Wir wollen audi was fehen -- 

OBERST: <auf dem Balkon) Sehen Sie nur das Gewühl, Mylord,- immer mehr 
kommen. 

CAPITAINE: Es fein difficile zu fehen, es fein viel weit. 
GENERAL: Quel domage! 

38 



LUCAS: Und Sie willen noch garnidit, wie fehr Sie dies zu bedauern haben 
— unfere Cordovanerinnen find ein präditiger Menfdienfdilag. 

OBERST: Sowie der letzte Sdilag der Kirdienuhr verhallt, fpringen fie ins 
Wafler, 

GENERAL: <fehr aufgeregt) Gehen wir dort ^ gehen wir dort — rafdi, 
rafdi, rafdi. 

CAPITAINE: (der, in gleidiem Tone, feinem General immer beipfliditet) Rafdl, rafdi, 
rafdi! 

OBERST: Ah, hören Sie. <Von der nahen KircJie wird das Angelus geläutet. Es 
tritt unten und oben fofort tiefe Stille ein. Sowie der letzte Sdilag verhallt, hört man unten 
Geräufdi und Geplätfcher, als ob Hunderte von Menfdien ins WalTer ftiegen und hört 
das Kreifdien und Ladien der Weiber. Audi die Männer am Kai lärmen. Es herrfdit eine 
Zeitlang ein ohrenbetäubender, verwirrender Lärm. Die Herren auf dem Balkon, trinkend, 
raudiend, find anfdieinend fehr amüfiert.) 

VOLK: <amKai> Holla, jetzt find fie drin — Auf die Brüd^e, auf die Brüd^e 
'-^ Dort fieht man's beOTer/ (ein Teil der Leute läuft auf die Brücke) zum Teufel, 
man fieht zu wenig — Das ifi: Rofita mit dem gelben Band im Haar, Rofita, 
Ited^' mal Deine Beine aus ^ Wie kannft Du denn fo weit fehen? — Keinen 
Menfdien kann man erkennen — Idi kann jede erkennen, fo wahr idi An- 
tonio heiße — Dort ift die Carmencita — Wo, wo, wo? — Dort — Die ^ 
Idi feh' fie deutlidi ^ Steht nur halb im WalTer ^ Will fidi den Kopfputz 
nidit naß madien, das eitle Ding — Rcdit hat fie. Jetzt fteigt fie heraus — 
Was fällt Eudi ein ^ Lang war fie nidit im WaOer — Gerade die braudite 
eine ftarke Abkühlung —' Sie ift es nidit ^ Idi fdiwöre, fie ift es ^ Jetzt 
kann idi fie nidit mehr fehen — Diefe Menge — Nadte Weiber genug für 
eine Garnifon. 

EINIGE BURSCHEN: <neckenJofe) He, Jofe, komm mal rüber, laß den 
Poften fein. 

2. BURSCH: Dein Oberft ißt gerade fein Eis. 

4, BURSCH: Der merkt's fidier nidit, ob Du vor feinem Häusdien ftehft. 

3. BURSCH: Laßt ihn in Frieden. 

1. BURSCH: Komm dodi, fdiau Dir die nadten Weibdien an. 

2. BURSCH: Vielleidit findeft Du eine darunter, die Dir paßt. 

3. BURSCH: Poften ftehen muß dodi fdiön fein,- er kann fidi nidit davon 
trennen. <GeIäditer. Die Menge hat fidi immer mehr zur Brüde verzogen.) 

39 



3. SZENE. 
LORD : <auf dem Balkon) Very interesting. 
GENERAL: Oui, oiii, tres interessant. Mais c'est malheureux (fpricfit weiter 

2um Capitaine) — — — 

CAPITAINE: <überfetzt> Monsieur le general er fagen, es fein fehr un^ 

glücklich, man nicht kann fehen mehr. 

OBERST: Seien Sie unbeforgt, wir werden heute Abend nodi genug Weiber 
zu fehen bekommen, <zum Capitaine) fagen Sie das bitte. 

CAPITAINE: O, le general verlteh'n,- nur er nidit kann fprecken die Sprack 

— wie ick. 

OBERST: Abends, wenn es kühler wird, gehen wir in eine Neveria, eine 

Konditorei vor der Stadt,- dort follen Sie fpanifches Leben kennen lernen. 

Und eine Zigeunerin, die Carmencita, hab' idi audi beftellt, die wird Ihnen 

gefallen, 

LORD: Sigeunerin? Pfui! 

OBERST: Wenn Sie fie fehen, werden Sie nidit pfui fagen, das wette idi. 

LORD: Wette idi? Wette idi audi - fünffig Pfund Sterling - 

OBERST: Es gilt. (Schlagen ein.) 

LORD: Bei uns in Ingländ find die Sigeunerinnen fmutfig. 

LUCAS: Bei uns in Spanien ilt jede Frau im Herzen eine Zigeunerin. 

CAPITAINE: Ah, eine diarmante Wort, monsieur le Torero,- jede Frau 
im Herfen eine Sigeunerin. (Spricht, während die Prozeffion vorübergeht, in heftigen 
Kaskaden zu feinem General. Man hört nur:) — il dit en Espagne tOUtes 
les femmes sont bohemiennes ^ j'adore 9a, c'est un mot brillant ^ 
ufw, ufw. (Hier geht eine katholifche Prozeffion vorüber mit Fahnen, Baldachinen etc. Das 
Volk kniet zum Teil nieder, zum Teil weicht es aus und verfchwindet auf der Brücke 
und ab.) 

OBERST: Hier ift audi etwas, was Sie in Ihrer Heimat kaum zu fehen 
bekommen. 

LORD: Wir haben ausgerottet den Papismus in Ingländ. 

GENERAL: (zum Capitaine) Dites ä monsieur le Torero que je voudrais 
bien le voir fair le combat aux toureaux. 

CAPITAINE: (überfetzt, zu Lucas) Monsieur le general fagen, er mödite 
gern ihn zu fehen, madien die Kampf mit die Stier. 

4P 



I 



LUCAS: Idi werde den Herren zum nädiften Stierkampf meine Einladung 
fenden. 

CAPITAINE: Ah, mir intereffieren von alles, wo fein dabei Gefahr. \d\ 
immer gehört, daß es fein gefährlidi fu lieben une dame espagnole. Die 
fpanifdien Damen fmd immer hinter eine Käfig bewadit, ähnlich die wilden 
Tier in die foologifdie Garten. Und immer eine Brudcer oder Liebhabeer 
oder eine E'emaann find nahe, bereit zu ftoßen feine Meiler in die Leib von 
Rivalen. 

OBERST: (lacht) Das kann einem hierzulande fdion paffieren. 

GENERAL: <zum Capitaine) Que dit-il? 

CAPITAINE: (überfetzt es ihm, General antwortet ihm, Capitaine zu den S[)aniern> 
Monsieur le general fagen, das fein exactement, was ihn reizt, großen Gefahr,- 
er hat gerade gejagt Löwen in die Norden von Afrika. 

LUCAS: Spanifdie Pantherkätzdien fmd gefährlidier. 

GENERAL: Que dit^il? 

CAPITAINE: (dummes Geficht) Idi nidit verfte'n felber. ^ Spanifdie Panteer^ 
kätsdien ^? 

OBERST UND LUCAS: (madien duckende, fchleidiende Bewegungen) Katzen, 
Kätzdien, menfdienfrelTende, gefährlidie Katzen. Miau. 

CAPITAINE: O, des diats. Sie rufen das »Ketsdien«? Tres bien. Tres bicn. 

GENERAL: (fpricht ihm nadi) Tres bien, tres bien. 

OBERST: (lacht) Ja, mandimal find fie tres bien, mandimal find fie aber 
fdilimm. (Zu Lucas) Senor Lucas, fehen Sie dort den Maultierwagen vor 
der Brüd^e? 

LUCAS: Sdieint am Saumzeug was geriflen zu fein. 

OBERST: Den Kopfputz follt' idi kennen, 's ilt Carmen. Sie kommt hier^ 
her, uns abzuholen. Das Weib hat immer gute Ideen im Kopf, (über die 
Brücke kommt ein von Maultieren gezogener Wagen. Darin fitzen Carmen, zwei alte Zi- 
geunerinnen <eine davon ift Dorothee), das Zigeunerkind und ein alter Zigeuner, Carmen 
ift in Goldflitter gekleidet, Blumen im Haar, blaue Seidenftrümpfe, hat Bänder und Flitter- 
zeug an fich und eine baskifche Trommel in der Hand.) 

4, SZENE, 

OBERST: (ruft) Carmen, Carmen! (|ofe, der bisher trübfelig dageftanden, fchrickt 
beim Nennen diefes Namens zufammen, blida zuerft nach der TerralTe hinauf, dann in die 
Richtung der Brücke, Jetzt fteht fchon der Wagen vor dem Tor. Er ift verblüfft.) 

4> 



OBERST: <zu feinen Gäften) Es ift Carmen, gehen wir in den Hof hinunter. 

<Mit feinen Gäften ins Haus ab.) 

CARMEN: <irt vom Wagen gefprungen) Ei, mein Offizier muß Poften ftehen. 
Wie geht's, Kamerad? 

JOSE: Carmen, hier treff' ich Dich!?? Seit Wochen fuch' idi Didi! Wohin 
in diefem Hochzeitsputz? 

CARMEN: Idi tanz' heut draußen vor der Stadt ^ 's gibt Doublonen. 

JOSE: Geputzt wie'n Heiligenfchrein. (Atemlos) Carmen, halt Du mich ver- 
gelTen? Die Nacht in unferm Zimmer in der Candilejoftraße —. Halt Du 
kein Herz? Idi leide Qualen und jetzt -— geh' nicht in diefes Haus — 
in diefem Putz — machft nur die Männer toll. 

CARMEN: Bift verrückt, Jofeito! Bin heute Abend Gaft bei Deinem Oberft. 

JOSE: Wart auf mich, bis ich abgelöft werde. 

CARMEN: Hab' heute keine Zeit. 

JOSE: Du mußt Zeit haben, für mich — Carmen, ich darf hier nicht reden 

<fieht fidi ängftlidi um). 

CARMEN: <Iadit> Na, red' Üeber nidit. Wer den Mund hält, dem kann 
keine Fliege hinein. 

JOSE: Idi fudie Dich feit Wochen -^ wie fchön Du bift ^ ich komme um 
vor Sehnfucht -- nidit geh' in diefes Haus — ich bitte, bitte Dich ^ 

CARMEN: Du hörft noch von mir heut Abend. <Sie tritt rafcfi in den Vorhof. 
Jofe in verzweifelter, ohnmächtiger Wut, bis zur letzten Szene. Carmen wiegt fich fredi in 
den Hüften und geht den Herren entgegen, die eben aus dem Haus in den Garten treten. 
Die Zigeunerbande kommt hinter ihr, der Wagen fährt weg, nadidem der alte Zigeuner mit 
dem Kutfdier einige Worte gewedifelt hat.) 

5. SZENE. 

OBERST: Es ift noch etwas früh, hinauszufahren. Carmen, ein Glas Wein! 
Das fmd meine Freunde. 

CARMEN: Senor Lucas kenne ich. Hab' Euch oft gefehen und -- be- 
wundert. Wie ficher Ihr ins Herz trefft. <Sie tippt mit dem Finger unter feine 
Sdiulter) Einmal müßt Ihr mir Eure Kokarde werfen. 

LUCAS: Wenn Ihr erlaubt, fchöne Carmen — dem nächften Stier entreiß' 
ich fie für Euch. 

CARMEN: <zeigt mit dem Finger auf den Lord) Ein Krebs, den kenne ich nicfit. 
<Der Lord riditet fidi würdevoll auf, ift über diefe Bezeichnung indigniert. Carmen ladit,) 

42 



Mein Lieblingsticr ift der Krebs — wenn er nur Flügel hätt'. <Die Spanier 
lachen. Carmen wendet fidi an die Franzofen, deren rote Höfen fie blenden) Und zwei 
Rothofen — (die beiden Franzofen hüpfen galant um fie herum/ Carmen tut, als ob fie 
fidi vor den roten Höfen fürchten würde.) Feuer! Feuer! 

OBERST: (ftellt vor) General Tripaud, Capitaine Sequin, und hier mein Freund, 
Lord Debenham, von der Garnifon Gibraltar. 

CARMEN: <rtutzt) Gibraltar? Ei, dort komm' idi nädiftens hin. 

GENERAL: Quelle femme ravissante! Que dit^elle? ' 

CARMEN: (übermütig ihm ins Gefidit) 

Die Romani tfdii 
Und der Romani tfdial 
Lieben luripen 
Und dukkeripen 
Und huknipen 
Und everypen 
Nur nidit latfdiipen 
Und Tatfdiipen. 

GENERAL: Quoi, quoi, quoi? 

CAPITAINE: Quoi, quoi, quoi? 

LUCAS: Carmencita plappert in ihrer Zigeunerfpradie,- wir können's audi 
nidit verftehen. 

OBERST: Mylord, was madlt unfere Wette? <Er legt feinen Arm um Carmens Hüfte.) 

LORD: (Nimmt wortlos eine Note aus feiner Brieftafdie.) 

<Die Herren lachen und ftoßen an, trinken. Sowie der Oberft die Note entgegennimmt, greift 
Carmen rafch und graziös danach und fteckt fie in ihr Strumpfband. Sie amüfiert fich fchr 
über die Verblüffung der Herren.) 

CARMEN: Die Wette habe idi gewonnen ^ was habt Ihr denn gewettet? 

GENERAL: (drängt fidi an fie heran) Nous avons parle de bellcs femmes et 
notre ami Lord Debenham — 

OBERST: Herr General, Carmen verfteht nidit franzöfifdi. 

CARMEN: Idi kann audi franzöfifdi. 

OBERST: Ja, lügen kannft Du audi auf englifdi, 

CARMEN: Idi kann alle Spradien der Welt ^ (zum General) Bon soir, mon 
General. Je vous aime, (zum Lord) Mylord Inglismän, I love you. 

43 



LORD: Beim Jupiter! 

CARMEN: Oui, oui, oui. <AIIe lachen, Carmen hängt fich in den General ein und 
zieht ihn weg) Je <zeigt auf fidi, dann zeigt fie auf ihn) VOUS — (denkt nadi) wie 
fagt man das — de bons amis, 

OBERST: Sie wird fidi fdion mit ihm verftändigen. <Diener haben Champagner 
gebradit und bieten an,- Carmen geht promenierend mit dem General auf und ab,- geftikuliert 
heftig, fie fetzt ihm etwas auseinander,- er ladit mandimal, nickt verftändnisvoll, fagt) 

GENERAL: Oui, oui, oui (oder aber er madit ein dummes Gefidit, verfteht nidit). 

LORD: (folgt ihr mit feinen Blidten, würdevoll, aber eifersüditig.) 

CAPITAINE: Eine diarmante Mädchen, 'at man ausgeladen aus die Käfig? 
Wo fein die Brudeer, die Liebhabeer oder die E'emaan? 

LUCAS : Wenn Sie das MelTer im Leib haben werden, werden Sie es fchon 
frühzeitig genug wilTen, 

CAPITAINE: (ladit) Ce n'est pas mal, 9a, frühfeitig genug ^ Mefleer in 
Leib — oui, oui, oui. 

OBERST: Carmen, willft Du meinen Gälten den RomaHs tanzen? 

CAPITAINE: (fdion etwas angeheitert) — fie müflen tanzen, müITen tanzen, 
fdlöne Dame (madit groteske Tanzbewegungen). 

GENERAL: Une femme ravissante. Parbleu! Si seulement je pouvais 
comprendre ce qu'elle dit. 

CAPITAINE: Mon general fagen, Sie feien eine entzüdungsvolle Mäddien,- 
wenn nur er könnte verltehen mehr, von was Sie fagen. 

CARMEN: (imitiert) Sagen Sie ihm, audi er fein eine entzückungsvolle Herr, 
wenn nur idi könnte mehr verltehen, was er fagen. (Alle ladien und trinken.) 

GENERAL: (Nadidem er getrunken hat) Que dit- eile? 

CARMEN: (zieht ihn von den anderen fort) Idi fage. Du bi(t ein dummer roter 
Stier und idi werde Dir fehr bald Deine Doublonen herausgelockt haben — 
oui, oui, oui. 

GENERAL: (laAt) Ah, oui, oui, oui. 

CARMEN: Alfo darüber find wir einig. (Erklärt ihm ernfthaft-fdierzhaft) Idi 
weiß nur nodi nidit, auf weldie Weife idi's tun foll. (Streichelt feine Hand) 
Comprenez- VOUS ? 

GENERAL: Parfaitement ! Excellent! 
44 



CARMEN: <rtrelchelt> Das gefällt Dir, mein Büffelciien -? 

GENERAL: Excellent! <Oberrt und Lucas treten naher.) 

CARMEN: Weg da Ihr, idi nehme eine franzöfifdie Lektion. <Die beiden 
gehen ladiend weiter) Du, hör mal. Büffelchen. Was ift eigentlich Dein Freund 
in Gibraltar? (Sie zeigt auf den Lord Debenham. Er fdiüttelt den Kopf) Nichts, nichts 
ift er? Ich meine, welche Stellung hat er dort? 

GENERAL: Oui. 

CARMEN: Efel! 

GENERAL: Oui. 

CARMEN: Ift er Oberft der Garnifon? 

GENERAL: <rtoIz) Oberft — Moi? Je suis general. 

CARMEN: Du bift ein gefchwollener Laubfrofch, Aber er, er! Guckt er 
den ganzen Tag durdi ein Fernrohr und fchaut fidi die vorüberfahrenden 
Schiffe an? Oder drillt er die Rekruten — ift er ein Arzt vielleidit? Was 
für eine Pofition? Quelle position ä Gibraltar? (Begleitet all dies mit imitierenden 
Bewegungen). 

GENERAL: Moi? 

CARMEN: Nein, Du Tölpel — (fcfilägt ihn wild) - er! Votre ami! 

GENERAL: II est inspecteur des prisons. 

CARMEN: Inspecteur des prisons? 

LORD : Käfig wie hier (zeigt auf das Gitter), et des malfacteurs, fchlechte Mann, 
viel Ichlechte Mann fitzen hinten (zeigt gebundene Hände), WalTer und Brot — — 

CARMEN: (freudig überrafdit) O, Gefängnisinfpektor! (Sie fdireit zu den Zigeunern, 
die hinten in der Laube fitzen) Misti eustiri! Ocano manio sinela o udorile del 
estaribel. Ocano terelamos. Ocano listrabare Garcia, (Die Zigeuner find erregt, 
niden aber nur mit dem Kopf.) Sinelere an Gibraltar nacada yecjue dramia. 
(Zum General) O, mein Büffelchen, das ift eine gute Nacfiricht. — (Sieht zum 
Lord hinüber, der momentan nidit bemerkt, welche Aufmerk famkeit ihm Carmen Icfienkt.) 

GENERAL: Pourquoi lui? Sehen mich an. Midi. Ich bin eine angenehme 
Mann, eine reiche Mann, eine charmante Mann — —' 

CARMEN: Oui, oui, oui/ aber ich will Dir was erzählen. Ich hab' einen 
Bruder ^ heißt Garcia (ladit) ^ hat einmal Malheur gehabt und einen 
Krebfen ein bißchen aufgefpießt. Den haben fie nach Gibraltar auf die 
Feftung gefetzt/ zwei Jahre fchon will ich ihn heraushaben, jetzt foll er 

45 



mir dabei helfen, der fdiöne Mylord Inglefito. Alfo hör mal, mein reidier, 
charmanter General. Bleib' fdiön ruhig ftehen und warte auf midi, bis idi 
zurüd^komme. <Sie dreht feinen Kopf gegen die Wand und fpridit zu ihm wie zu 
einem Hünddien.) Dann bekommft was Sdiönes von mir. <Sie geht geradeaus zu 
Lord Debenham und nimmt feinen Arm. Der Lord ift überrafdit, aber fehr angenehm 
berührt.) 

DOROTHEE: <die Carmen genau beobaditet hat, fteht jetzt auf und nähert fidi dem Capi« 
taine und dem Oberft) Soll idi den Herren wahrfagen, aus der Hand lefen, 
Mufdieln werfen? Barladiipulver hab' idi bei mir — 

OBERST: Will jemand feine Zukunft wiflen? Hier ift ein Orakel! 
DOROTHEE: <zum Capitaine) Capitaine, wollen Sie in die Zukunft fehen? 
CAPITAINE: O oui, fagen Sie mir meine Sukunft. 

DOROTHEE: (lieft in feiner Hand) Sie werden fehr bald nadi Haufe fahren, 
eine Dame mit braunen Lodden wartet auf Sie,- (Capitaine lädielt verfdiämt) 
Reiditum, Ehre fehe idi, hohe Würden. Ift das einen Duro wert, Senor? 
(Capitaine gibt ihr eine Münze) Senor Lucas? -^ 

LUCAS: Nein, danke. Weiß, was mir bevorfteht und bin auf meiner 
Hut '— immer. 

DOROTHEE: (flüftert ihm zu) Idi werde Eudi anderes fagen als diefem da. 
(Deutet auf Capitaine, Lucas fdiüttelt den Kopf. Dorothee zudt die Adifeln,- fieht zu Lord 
Debenham hinüber) Mylord Inglefito braudit feine Zukunft audi nidit zu wiffen. 
Glüdc in der Liebe — (kidiert) 

LORD: (ruft hinüber) Beim Jupiter! (Carmen lenkt Lord Debenhams Aufmerkfamkeit 
wieder auf fidi,) 

DOROTHEE: Will der Herr Oherft fidi nidit Karten legen laffen? 

OBERST: (ladit) Idi glaub' an Euern Hokuspokus nidit. 

DOROTHEE: Vielleidit lohnt fidi's der Mühe. Geben Sie mir Ihr Seiden- 
tüdilein, Herr Oberft, (er gibt es) einen Pefeta in diefe Ed^e, (fie wickelt die 
Münze ein) eine Silbermünze in die andere, (er tut es) einen halben Duro 
in die Mitte. 

OBERST: Alte Hexe, Du foppft mir ja dodi das Geld heraus. Da, idi 
fdienk' Dir einen ganzen Duro. (Sie ftreift alles ein, madit eine Handbewegung darüber.) 

DOROTHEE: Was idi Eudi fage, ift mehr wert als Euer ganzes Ver- 
mögen: geht heute Abend nidit fünf Sdiritte vor Euer Haus. 

46 



L 



OBERST: Dein Rat ift unhöflich/ idi habe heute Abend nodi Gäfte zu 

bewirten, 

DOROTHEE: Ich warne Dich,- nidit fünf Schritte vor Dein Haus. 

CARMEN : <ruft herüber) Dorothee, hältft Du bald Dein ungewafdienes Maul ! 

OBERST: Laß fie, Carmen,- betrogen wird nur, wer daran glaubt. <Lacht 

und trinkt.) 

(Dorothee geht zur Laube, beginnt fofort ein Tambourin zu fchlagen,- das andere Weib fällt 
audi ein,- der Zigeuner fpielt die Gitarre.) 

LUCAS: Der Romalis. 

GENERAL: <der nodi immer mit dem Kopf gegen die Wand fteht, hat mehrmals 
Zeidien von Ungeduld gegeben) Carmen! Carmen! 

CARMEN: <ruft ihm zu) Stillgeftanden ! <Er dreht rafdi den Kopf wieder gegen die 
Mauer) Gut Fido, hübfch folgen. <Die Herren ladien.) 

OBERST: Carmen, willft Du tanzen, wenn wir fchön bitten? <Kniet vor ihr.) 

CARMEN: <zum General, der fidi wiederum umgedreht hat) Komm her, Fido — 
folllt auch niederknien! (General tritt fehr gedrückt hinzu und kniet.) 

CARMEN: Mylord, wollen Sie nicht auch — <mit einladender Gebärde) 
(Lord Debenham kniet fteif nieder, Capitaine fällt auf beide Knie.) 

CAPITAINE: Wir bitten alle zu tanzen für uns. <Lucas kniet nieder.) 

CARMEN: (geht im Kreis herum, ftreift dem einen die Wange, dem andern unters 
Kinn, lächelt jedem zu und geht dann rückwärts gegen die Laube, wiegt fidi in den Hüften, 
ftampft einigemale auf den Boden und will eben den Tanz beginnen. Die Männer fetzen 
fidi. In diefem Augenblick bemerkt Carmen, daß Jofe feinen Poften verladen und fidi 
drohend der Tür genähert hat. Die vier Herren fitzen fo, daß fie dies nicht bemerken können. 
Carmen, ohne fich umzudrehen, winkt den Zigeunern aufzuhören, Mufik wird eingeftellt. Die 
Herren find erftaunt, Carmen lächelt möglichft unbefangen,) 

CARMEN: Idi tanze nidit. 

OBERST: Warum nicht, Carmen? Wir haben fo fchön gebeten? 

CARMEN: Ich mag nicht tanzen. <Jofe geht auf feinen Poften zurück.) Vorhin 
wollt' ich, jetzt mag ich nicht, <Ziert fich wie ein verwöhntes Kind.) 

LORD: Launenhaft, die Dame. Wie unfer Klima. 

LUCAS: Man muß fie wohl nehmen, wie man fie trifft. Nadi dem April 
kommt der Mai. 

48 



(Wollen trinken) 



CARMEN: Idi bin durfti^?^. (Oberfr \)mu^i auf, um Wein zu holen) Was er- 
wartet Ihr vom Mai? 

LUCAS: Wärme, Sonnenfchein, fülV Frucht, <leife> Deinen Kuß Carmen- 
Didi felbft. 

CARMEN: Süße Frucht hat Würmer. 

LUCAS; Deshalb beiß' ich dodi hinein. Sdielt' idi den Wein, der mir 
morgen Kopffchmerz gibt? <Will fie umfangen, fie entwifdit ihm.) 

CARMEN: O, alles auf einmal. Malaga trinkt man aus kleinen Gläsdien'' 

LUCAS: Sagt' idi, daß ich Dich aus einem großen Napf auslöffeln vcill. 
Schlürf felber gern in kleinen Zügen. 

GENERAL: Que dit^elle? 

OBERST: <hat ein Glas Wein gebradit. Diener fervieren den anderen) Carmen! <An- 

ftoßen.) 

LUCAS: Carmen! ) 

GENERAL: Carmen! 

LORD: Carmen! 

CAPITAINE: Carmen! j 

CARMEN: Halt! <Die Männer fetzen die Gläler ab) Die arme Schildwache vor 
dem Tor foll audi ein Glas bekommen. 

GENERAL: Que dit-elle? 

CAPITAINE: Elle dit le pauvre 

OBERST: <zum Diener) Der Schildwache ein Glas. 

CAPITAINE: Mon general fagen: Carmen haben eine fchönc — (deutet auf 
lein Herz) das — das Bruft — 

OBERST: Er meint Herz,- das befitzt Carmen nicht,- dafür aber die Ichönlte 
Bülte in Cordova (nimmt fie zärtlidi um die Hüfte). 

CARMEN: Lind in Sevilla. <Ein Diener hat jofe ein Glas Wein vors Haus ge- 
tragen. Jofe nimmt das Glas, trinkt aber nidit, fondern viartet, bis der Diener uieder in den 
Garten getreten ift ) 

OBERST: Nun, ilt diefe Zigeunerin pfui? (Spredien \«'citer. Inzuifdien iß Carmen 
rafch zum Gitter gefprungen und ruft )ofe zu) 

CARMEN: Von Carmen! 

i 49 



JOSE: Eher ftürb' idi, Dirne, ehe ich diefen Wein trink'. Hüte Didh! Idi 
komme in den Garten und hol' Didi mir und wenn idi alle viere töten 
müßt'. <Er wirft das Glas zu Boden, daß es zerfdiellt.) 

CARMEN: Lümmel, haft wohl Luft, auf die Galeere zu kommen. <Ladit 
unbändig, läuft zu den Herren zurück) O, mein Oberft, Dein Poften ilt ein rediter 
Bauer/ feine Hand konnte das feine Glas nidit halten. 

OBERST: Er foll ein anderes haben, 

CARMEN: Nein, Tölpel verdienen keine Wohltaten. Nur kluge Männer, 
<fdimiegt fidi im Vorbeigehen an den Capitaine an und fieht ihm in die Augen), ftarke 
Männer <rtreift an Lord Debenham), mutige Männer <felbes Spiel bei Lucas), 
fdiöne Männer <felbes Spiel beim General), vornehme Männer <felbes Spiel beim 
Oberft) — . Unfer Oberlt foll leben! <Trinken/ fie wirft ihr Glas weg, ruft den 
Zigeunern zu) Sinelo sarmunne ! Presimele a singa! <Die Zigeuner beginnen fofort 
Mufik zu madien, Carmen lädielt, ftampft in Tanzfdiritten auf, klappert mit den Kafta- 
gnetten, geht rückwärts.) 

HERREN: Ah - 

CARMEN: (fingt, während fie jetzt den Romalis tanzt, ein Lied ohne Worte, Die 
zwei alten Weiber murmeln den BaR dazu,- der alte Zigeuner fpielt die Gitarre, Die zwei 
alten Weiber umtanzen mit grotesken und doch nicht ungraziöfen Bewegungen das junge 
Weib und erhöhen durch ihre Häßlichkeit den Reiz der Jungen. Das Zigeunerkind, das fdion 
vorhin manches eingedeckt hat, ftiehlt dem Lord eine Börfe, ohne daß er es merkt. Sowie 
Carmen geendigt hat, applaudieren die Herren und rufen: Bravo! Viva! Viva! Herrlich! 
— — Sie torkelt, nodi betäubt von ihrem leidenfdiaftlichen Finale auf den Capitaine zu, 
er umfängt fie, fie bleibt eine Sekunde in feinem Arm.) 

CAPITAINE: Je vous aime! <Dodi der General zieht fie aus feinem Arm,) 

GENERAL: Je t'adore. <Dodi der Oberft reißt fie ihm heftig aus dem Arm und ruft:) 

OBERST: Mir gehörlt Du! <Lord Debenham fpringt hinzu und padt fie.) 

LORD: Nein, kleine Carmen, meine Freundin. <Will eben feinen Arm um ihre 
Schulter legen,- fie fällt ihm aber aus dem Arm und taumelt Lucas in die Arme, der fie bei 
der Hand brutal an fich gerilTen hat,) 

LUCAS: (flüfternd) Zuletzt bleibfi: Du mir! <Carmen blickt ihm in die Augen, bleibt 
nur eine Sekunde feft in feinem Arm, entwindet fich, wirbelt allein um ihre eigene Achfe 
weiter, bis fie zum Gitter kommt,- in der Nähe des Sdiildwachhäusdiens fliüftert fie) Min- 
dioro — Einziger — <und läuft blitzfchnell zu den Herren zurück. Alles dies fehr rafch, 
auflodernd, leidenfdiaftlich, fchwül.) 

OBERST: <pack:t das Zigeunerkind, das ihm eben das Tafdientuch aus dem Rodt ziehen 
wollte) Hallo, ftehlen willlt Du? Soll idi Didi auspeitfdien lalTen? <Stößt es) 
Da, alte Hexe, nimm Dir Deine Brut. 

50 



DOROTHEE: Adi, Herr Oberft, Erbarmen! Es ift ein ungeratenes Kind. 
Geb' ihm immer fo gute Lehren. <Zieht das Kind beim Ohr j^egen den Hintergrund, 

\x'0 es von den anderen Zigeunern ähnlich behandelt wird.) 

CARMEN: <hat lidi auf einen SefTel geworfen) Wer gibt mir Wein? (Alle vier 
Herren ftürzen auf fie zu und reichen ihr ein Glas.) Ihr erarü(i<t mich, fort, fort! 
LUCAS: Ihr müßt müde fein. 

CARMEN: Bin niemals müde, Seiior, weiin's Abend ift und idi tanze und 
Männer um midi her. Seid Ihr müde, wenn Ihr in der Arena fteht? 

LUCAS: In der Arena niemals. 

CARMEN: Nun, fo geht's mir. 

LUCAS: Dort leb' idi erft. Wenn idi die vielen Menfdien fühle und 
die Mufik fdimettert und die Sonne brennt und der weiße Sand leuditet und 
der Stier midi anglotzt und id» Gefahr wittere und das Blut riedie — — 

CARMEN: (lüftern, näher auf ihn zu) Idi liebe die Corrida — 

LUCAS: (ebenfo) Den Efpada follft Du lieben. 

CARMEN: Mußt midi ins Herz treffen, Efpada, Bin aber kein dummer 
Stier. Der Stier fteht vor der Muleta mit gefdiloffenen Augen - idi nidit — 
<die andern treten näher, Carmen fdilägt im Ton um). Idi will der Stier fein! Ihr 
die Picadores und Banderilleros! (Stellt die fünf Männer rafch in eine Reihe) 
Einzug der Guadrilla in die Arena — ^ Muflk! (Zigeuner trommeln und fpieien 
und fchlagen Spektakel. Carmen marfchiert an der Spitze der vier lachenden, auf den Spaß 
gern eingehenden, fchon ein klein wenig angeheiterten Männer tücherfchwenkend einmal durch 
den Garten) Halt! (verbeugt fich vor dem leeren Balkon) Die Loge des Alkalden. — 
Dank für den Sdllülfel ! (Tut, als ob fie vom Balkon einen SchlülTel auffangen würde) 
Galopp, Galopp, Galopp ! (Sie galoppiert allein zur Tür, tut, als ob fie fie auffperren 
würde) Hopp! Jetzt fpringt der Stier heraus! (Sie fpringt felber nach vorne, kommt 
dann langfam, finfterblickend, mit gefenktem Kopf, wie ein Stier Erde wegfchleudernd, auf 
die Männer zu, Sie erblickt einen Diener.) Ein Picador. Rette Didl! (Läuft auf den 
Ahnungslofen von hinten zu, ftößt ihm mit dem Kopf in den Rücken, daß er mit feinen 
Gläfern der Länge nach hinfällt. Gelächter. Carmen galoppiert weiter. Diener erhebt fich 
beftürzt. Da er alle lachen fieht, ab.) Jetzt kommen die Banderilleros. (Lucas hüpft 
auf fie zu und macht mit beiden Armen die charakteriftifchen Stechbewegungen, die anderen 
imitieren ihn. Sie alle wollen Carmen berühren. Sie ift kitzlig, entwifcht, fpringt über einen 
SelTel, läuft dem Capitaine entgegen und ftößt ihm mit dem Kopf in den Magen. Dann 
fchmiegt fie fich an feiner Bruft empor.) 

GENERAL: (fchon leicht betrunken) Qu'est ce que c'est ga? 

CAPITAINE: Sie madit den Kampf mit der Stier. (Carmen ftößt Lord Debenham 
mit dem Kopf in den Magen.) 



I 



LORD: O! (Die übrigen ftieben lachend auseinander.) 

OBERST: Ich pack' ihn bei den Hörnern. <Packt Carmen und küßt fie auf die 
Stirn, Carmen fdiüttelt den Kopf wie ein Stier, brüllt und läuft weiter.) 

CARMEN : Ein Pferd hab' ich fchon aufgefpießt. <Wirft ein Band um den General 
und zieht ihn hinter fidi) Hinausgefchleppt. Hü hot! Mein armes Pferddien. Seht 
nur, wie ihm die Eingeweide heraushängen! <Zieht ein Tafdientudi aus feiner 
Tafdie und läßt es lang heraushängen.) — Ift fchon ganz tot. <Sdiiebt ihn ins Haus) 
Da, Kadaver, bleib' liegen. (Läuft zu den anderen) Jetzt kommt der letzte Akt. 
(Sdinaubt, ftampft, wiehert, bläht die Nüftern) Wehe, wer mir nahe kommt, ich bin 
blind vor Wut. (Sdilägt aus) Jetzt fpring' ich aus der Arena -^ (läuft zum 
Gitter zu Jofe). Ich fprech' noch heute Abend mit Deinem Oberft. Er läßt Didi 
wieder avancieren. Heut' Nacht muß er mir jeden Wunfch erfüllen. (Jofe, 
blaß vor Wut, erhebt feinen Säbel gegen fie. Sie läuft wieder in den Garten, wo die Herren 
fidi vor Ladien auf den Stühlen wälzen.) Wer wagt es, mir entgegenzutreten, wer? 

LUCAS : (Steht auf, hält fein Seidentudi vor fidi und feinen kleinen Spazierftock, ganz in 
der Attitüde des Efpada,- lo ftehen fie einander gegenüber) Ich, der Efpada! (Tänzelt 
vor ihr. Carmen will ladiend auf ihn zulaufen, da wirft fidi der Oberft dazwifdien.) 

OBERST: (Ladiend) Hier und heute bin idi Efpada ! (Fängt Carmen auf, umarmt 
und küßt fie) Den Todesltoß geb' ich! 

LUCAS : (bedauert mit verbindlidier Gebärde gegen feinen Gaftgeber) Leider. Diefen 
Kampfpreis hätte ich mir gern felber geholt, 

OBERST: Ein andermal, Senor. 

CARMEN: (mit Beziehung) Ein andermal, Sefior. 

OBERST: Carmen, das darf ich fagen! 

CARMEN: Ich darf fagen, was ich will. (Legt fidi auf die Bank) ^o, heut 
tanz' ich keinen Schritt mehr. Der Stier geht fchlafen. 

OBERST: 's ift Nacht geworden. Wir müflen eilen. Unfere Freunde warten. 
(Alle trinken nodi. Im Garten wurden vorher kleine Lichter angezündet.) 

CAPITAINE: Man fich unterhalten ganz gut mit diefe Frauenzimmer. 

LUCAS: Man kann von Glüd^ fagen, wenn man ohne Wunden aus der 
Arena geht. 

CAPITAINE: Sie fein wie eine liebe Kind, (betraditet die Hegende Carmen) 
fo füß. 

LUCAS: Ich trau' ihr nidit einmal, wenn fie fchläft. 

52 



CARMEN : <mit gefdilolTenen Augen, lächelnd) Senor Lucas, laßt die böfe Zunge 
fein. Denkt an den Mai. 

LUCAS: Idi wollt; er kam' heut' Nadit. 

LORD: <fdiwer angetrunken) Sdllaf Wohl, Sweet girl. 

OBERST: Meine Herren, gehen Sie voran. Idi bringe Carmen nadi/ fie 
ilt jetzt müde. 

CAPITAINE: Non, non, es muß Carmen mit uns. 

LUCAS: <zieht die beiden Engländer mit fidi fort) Nein, kommen Sie,- heut Abend 
ift der Oberft Matador. 

CARMEN: Mylord, Mylord! Sdiläfft Du? Vergiß nidit an Gibraltar! 

LORD: Idi vergefTe nidit — vergiß nur Du Dein Verfpredien nidit. 

LUCAS: <beim Sdiilderhaus) Auf Wiederfehen, Carmencita! <Carmen winkt mit 
dem Fuß. Die Zigeuner find fdion vorher aus dem Garten gegangen und die Straße hinauf 
ab. Sowie die drei Männer fort find, fpringt Carmen auf und riditet fich das Haar. Oberft 
löfdit die Liditer im Garten aus.) 

6. SZENE. 

OBERST: Willft Du einen Spiegel? 

CARMEN: Nidit notwendig. Wenn idi Eudi nidit fo gefalle, laßt es bleiben. 

OBERST: Hab' Dir ein großes feidenes Tudi gekauft, geftern, bei griedii- 
fdien Händlern,- komm, fieh Dir's an. 

CARMEN: Jetzt nidit. 

OBERST : Zeig' Dir nodi was Sdiönes. <Wird in feinem Dufel zärtlidi.) 

CARMEN: Bin nidit neugierig. 

OBERST: Komm erft ins Haus. Gib mir einen Kuß. 

CARMEN: Jetzt nidit. 

OBERST: Einen kleinen Kuß. 

CARMEN: Nein, gib Frieden. Nein! Eher fällt Dein Haus ein, bevor 
idi nadigeb'. 

OBERST: <feufzt> Dein Kopf ift härter als diefer Stein. Alfo komm', mein 
Täubdien, mein Pantherkätzdien. Ha, ha, Lord Debenham wollte ein Panther^ 

54 



kätzdien — zum Spielen — wollen ihm ein nettes Spielzeug kaufen, aber 
nicht Carmen. Carmen, Mylord, gehört mir. <Er hat fidi in Carmen eingehängt 
und beide treten unters Gittertor. Carmen blickt ftarr und bannend auf Jofe, der fie dufter 
betraditet und Miene macht, fidi auf den Oberft 2u ftürzen,- fie hält ihn nur mit ihrem Blick.; 

OBERST: (hält ein) O, Carmen, haft Du die Prophezeiung gehört? Die alte 
Hexe — <|adit dufelig) keine fünf Sdiritte vor das Haus <geht geradeaus) eins 

— zwei — drei — vier. — Die Straße ift menfdienleer. (Carmen ift einige 
Schritte voran) Carmen, kann ein fdieues Pferd mir etwas anhaben? — Woher 
foll das Unglück kommen — ? Alte Hexe hat mir einen Duro abgefdiwindelt 

— alfo: fünf. (Geht einen Schritt nach rechts und bleibt ftehen, lieht die Scfiilduache.) 
Und hier ift gar eine Sdiildwadie zu meiner Bewadiung. (Blickt zu jole auf und 
bemerkt, daß er nicht falutiert) Tölpel, warum falutierlt Du nidit?! (]o[k blickt ihn 
nur haßerfüllt an, Oberft haut ihm eins über den Kopf und wirft ihm die Mütze ab.) 

JOSE; (feiner nicht mehr mächtig, gibt dem Oberft einen Stoß vor die Bruft, daß dicfcr 
taumelt) Verfludit die Mildi, die Du gefogen! 

OBERST: (wird nüchtern) Hund, gegen Deinen Oberft! (Zieht den Säbel und 
haut ihm mit der flachen Klinge eins herunter. Carmen fieht gefpannt zu. jofe ftürzt fich auf 
ihn, entreißt ihm den Säbel,- Oberft ftürzt jetzt auf jofe und fällt in den vorgehaltenen Säbel, 
er fällt mit einem fchwachen Auffchrei nieder.) 

OBERST: (fdiwach) Wadie! Subordination - - (er ftirbt). 

JOSE: (ganz verftört, wie aus einem Traum erwacht) Meinen Oberft — meinen 
Oberft — (bricht zufammen). 

CARMEN: (fleht fidi um, ftößt einen leifen, fcharfen Pfift' aus) Efel ! Dummkopf! 
Auf! Willft morgen am Galgen baumeln? (Steckt zwei Finger in den Mund und 
pfeift wieder. Sie fchüttelt ihn.) 

JOSE: Carmen, was tuft Du mir -- heiligfte Mutter — idi hab' meinen 
Oberft erfchlagen. 

CARMEN: Verdammtes Maul — Du weckft die ganze Stadt. — Hat er 
den Tod verdient? 

JOSE: Ja, er und die andern audi. (Der Maulefelwagen kommt angefahren.) 

CARMEN: Dancairo! (Die Zigeuner fpringen herab, fie zeigt auf Jofe.) 

DANCAIRO: Aus ift's mit dem Militär! Runter mit dem Waffenrock! 

CARMEN: (zu jofe) Willft mit uns kommen? Mit mir? 

JOSE: Wohin Du willft. 



CARMEN: Dir gibt der König keinen Stockfifdi mehr. Mußt mit an die 
Küfte! 

DANCAIRO: Er ift ftark, er kann uns helfen. <Reißt ihm den Waffenrodt her- 
unter, nimmt vom Wagen einen großen Mantel, hüllt ihn darin ein, ftülpt ihm einen Kala=^ 
brefer auf.) 

CARMEN: Den Bart rafiert, heut' Nadit nodi in die Sierra, <Die zwei alten 
Zigeunerinnen haben den Oberft in das SAildwadihäusdien gezogen) Fort, fort! <Zu Jofe) 
Idi verfpredi Dir's, idi bring Didi nodi an den Galgen ! <Alle auf den Wagen, 
der rafdi davonfährt. Von einem Feniter eines Haufes bei der Brücke hält jetzt jemand eine 
Laterne auf die Straße hinab. Man hört eine Uhr fdilagen und den Naditwäditer rufen.) 



VORHANG 



IV. BILD. EINE SCHENKE IN GIBRALTAR 



Gibraltar. Ein Sdimugglerwirtshaus. Geräumiges Lokal. Rund herum an den 
Wänden (tehen lange Bänke und Tifdie/ redits vorne quer ein Fifdi mit zxxei 
Bänken. Im Hintergrund eine weite, offene Tür, durdi die man einen pradit^ 
vollen Blick auf die Feltung hat. Redits und links find audi Türen und Fx-nfter. 
Redits ilt eine Wendeltreppe, die irgendwo nadi unten führt. 
Wenn der Vorhang aufgeht, fieht man Carmen und Jofe vorne eng an- 
einandergefchmiegt fitzen. Carmen ift nidit lo auffallend gekleidet \xic in dem 
vorigen Bild, dodi wiederum in Seide, trägt einen goldenen Kamm im Haar 
und einen koltbaren Shawl um die Sdiultern. Jofe hat ficii den Schnurrbart 
rafiert und ift in der Tradit der andalufifdien Bauern, jedodi fchon etwas 
verwildert. Vorne rechts fitzen zwei Kartenfpieler und fpielen während des 
ganzen Aktes bis zum Fallen des Vorhangs. Was audi immer auf der Bühne 
gefchieht, he fpielen unbekümmert weiter, in der Stube hcrrfdu bald nai+i Aii^ 
fang reges Leben. Leute kommen und gehen, feillchen, lachen, hngen, trinken etc. 

57 



1. SZENE. 

CARMEN; Wir haben gute Gefdiäfte gemacht. Tag und Nadit bin idi auf 
der Lauer gelegen. 26 Ballen waren es — wir trugen fie gleidi bis zur Stadt, 
bis zum kleinen Gang, weißt Du, dort, wo fie bauen ^ 

JOSE: Und die Sdiildwadie dort -? 

CARMEN: Ift ein alter Freund von mir. Audi er verdient gern einen Duro. 
<Jofe zuckt veräditUch die Adifeln) Glaubft Du, jeder Kanari ilt fo pfliditgetreu wie 
Du? 

JOSE: Mit meiner Pfliditerfüllung war's nidit weit her -- feit idi Deine 
weißen Strümpfe gefehen, <Beide ladien.) 

CARMEN: Um drei Uhr früh war alles vorbei. <JüdeIt> Nathan Ben Jofef 
hat mir dreißig Pialter gegeben,- <ladit> nidit fdiledit, was? Hier ift die Hälfte. 

JOSE: Behalt' fie nur. 

CARMEN: Kann's immer braudien. 

JOSE: Reiditümer fammle idi nidit. Bin froh, wenn idi ein Hemd am Leibe 
habe und genug zu elTen. Hab' Dir audi was mitgebradit, während Du weg 
warft. 

58 



CARMEN: Mitgebradit? Ziid<crigcs? Braver Jofeito, was? Was? <Er «idelt 
eine filberne Kette aus einem Tudi) Hat an feine kleine Carmen .s^cdacfit — (küßt 
ihn) da! 

JOSE: Jetzt bleiben wir aber beifammen, nidit? 

CARMEN: Wer kann es wilTen. Agyptifdie Gefdiätte kommen plötzlidi. 
(Von links fteckt aus der Tür Dancairo den Kopf heraus. Er pfeift ganz leife, Carmen hört 
ihn fofort, zu jofe) Still! <Dreht fidi um und zu Dancairo) Niemand hier. <Darauf 
kommen Dancairo und drei andere Schmuggler mit großen Ballen beparkt durch die Stube 
und fteigen die Wendeltreppe in den Keller hinab. Carmen ilt zur Haupttür gegangen und 
fieht hinaus.) Kein Rotrock ift zu fehen. Die putzen um diefe Zeit ihre Mon^ 
turen blank. (Imitiert heftiges Putzen.) Das ift viel widitiper. (Setzt fidi wieder zu 
lofe.) 

JOSE: (bewundert fie) Woher haft Du das praditvolle Kleid? Hab' ich nie an 
Dir gefehen. 

CARMEN: Hab' idi fchon oft getragen — was bemerkft denn Du? 

JOSE: Gefällft mir eben immer. Woher haft Du es? 

CARMEN: O, felber gekauft. 

JOSE: Selber gekauft? 

CARMEN: So wahr mir alle Heiligen helfen. (Dreht ihm hinter feinem Rücitcn 
eine lange Nafe,- wie er fich plötzlich umdreht, macht fie ralch ein ernftes, unfchuldiges Gefitfjt./ 

JOSE: Und der goldene Kamm? 

CARMEN: (wie oben) Audi felber gekauft. 

JOSE: Das Gefdiäft geht. 

CARMEN: Ägyptifche Gefchäfte gehen immer, wenn man fic nur gefchickt 
betreibt, 

JOSE: Hätt' nie gedacht, daß mir diefes Handwerk Spaß machen könnt'. 
Don Jofe Lizzarabengoa, ein Sdimuggler! — Als Kind hab' '\d\ wohl Nefter 
ausgehoben,- jetzt schmuggle ich Baumwollzeug und Calico und >Ä'olIene 
Strümpfe und weiß der Teufel was! 

CARMEN: (ärgerlidi, imitiert) Nun, und was foll's damit? — Ift ein männ^ 
lidieres Gefchäft als Poftenftehen! 

JOSE: (verdüftert fidi ein wenig, dann nadidenklidi) Haft recht. Freiheit ift fchöner, 

<Die Schmuggler kommen vom Keller zurück, fetzen fich in den Hintergrund, beftellen Wein 
Sind übermütig/ man fieht, fie haben gute GelHiäfte gemacht.) 

59 



CARMEN: Leben wir nicht wie die Herrfchaften? Haben alles, was wir 
brauchen — und was anderes hätteft Du beginnen follen? Netter Patron, der 
mit feinem Oberft Streit beginnt. <Kidiert.> 

JOSE: <leiir bewegt) Hol' Didi der Dämon. 

CARMEN: <zuckt die Achfeln) Was hätteft Du beginnen follen? Zum Stehlen 
bift Du ja zu unbeholfen. Alfo was kann es Befferes geben, als an die Kulte 
gehen — 

JOSE: Solange einen die Wäditer nidit erwifdien. 

CARMEN: Und wenn {<&ion — wird man gehenkt. <Lächelnd> Hab' Dir's 
ja prophezeit ^ <wie ein Kind verweifend) wenn Du Didi nidit befferft. 

JOSE: Und Du, Carmen? 

CARMEN: <lacht) Idi nidit! ^ Idi kann nodi keinen Baum finden, auf dem 
\d\ gern gehenkt fein mödite. Idi nidit. D u bift der dümmere Kopf von uns 
beiden. 

JOSE: (hält fie um die Hüfte) Idi werd' midi belTern. Du mußt midi lehren. 
CARMEN: Die beiten Lehrer find die ägyptifdien Gefdiäfte felber. 

JOSE: Sind unehrlidie Gefdiäfte. (Carmen zuckt die Adifeln.) Aber es fted^t 
Gefahr darin. Das föhnt midi aus damit,- wenn idi mein Leben einfetze, 
alles, das Einzige, was idi hab' — fdieint mir, das gleidit es aus. 

CARMEN: Wer wird den dummen Zoll bezahlen — nidits madit mir 
größeren Spaß, als den Rotröden eine Nafe zu drehen — Hundert Jahre nodi ! 

(Sie klopft auf Holz auf.) 

JOSE: Idi tu's, weil Du es tuft (drüdt fie an fidi) — weiter fdiert midi nidits. 
CARMEN: Bift Du glüdlidi, Jofeito? 

<Im Hintergrund fpielen fie Mandoline und man hört aus dem Nebenraum gedämpft fingen.) 

JOSE: Ja, Carmen, wenn wir durdi den Wald reiten, beide auf einem 
Pferd ^ und idi fühl' Didi warm und füß ^ da wünfdi' idi mir nidits 
anderes. 

CARMEN: (fpitzbübifch) Und nadits, wenn wir das Zeltdadi ausbreiten — und 
's ift alles fo ftill — — 

JOSE: O, Carmen! Idi hab' fdiwere Sünde auf midi genommen,- aber idi 
tat's um Didi, Allein muß idi Didi haben, kann Didi nidit teilen, jetzt gehörft 
Du mir. 

60 



I 



CARMEN: (imitiert) »Jetzt gehöift Du mir« — <grob> Wie oft Fol! ich's noch 
hören?! (Paufe) Remendado hat eine fdiöiu- Stimme. 

JOSE: Du hörft's nidit gern! Aber Dir muß man's oftmals Tagen,- mir ge^ 
hörft Du! 

CARMEN: <wild> Hör' mal, jetzt will idi Dir was fagen. 's wird mir zu 
dumm, und heute müßtelt Du es ohnedies erfahren — 

JOSE: (erfdireckt) Was - ? 

CARMEN: \d\ war die ganze Wodie aus — 

JOSE: Kundfdiaften -- 

CARMEN: Das hab' id^ Dir gelogen. Das letzte ägyptifdie Gefd^äft hat 
kaum einen Tag und eine Nadit gekoftet. 

JOSE: (erregt) Wo warft Du die übrige Zeit? 

CARMEN: 's ift mir was Großes gelungen. Zwei Jahre hab' \d\ dran ge* 
arbeitet — jetzt endlidi — 

JOSE: Was, was? 

CARMEN: Idi hab' meinen Rom aus dem Gefängnis befreit. 

JOSE: (verblüfft) Rom, Deinen Mann? Du — halt — einen — Mann? 

CARMEN: Bei den Gitanos wird man jung zufammengetan. 

JOSE: Haft nie von ihm erzählt? 

CARMEN: War bisher nidit nötig. Saß audi feftgefdimiedet auf der Feftung. 

JOSE: Dein Mann — (kann fidi nicht faden) wie heißt er denn? 

CARMEN: Garcia. 

JOSE: Der Einäugige — von dem hab' \d\ gehört — ein Sdieufaü 

CARMEN: Sdiön ift er gerade n\d\t — idi halTe ihn — aber tüditig ift er 
^ madit keine Dummheiten. 

JOSE: Wie kam er dann auf die Feftung? 

CARMEN: Hat Unglüd gehabt. 

JOSE: Du haft ihn, fagft Du — warum haft Du ihn befreit? 

CARMEN: Das ift Gefetz. Und es fteht gefdirieben, was die Romi für 
ihren Rom zu tun verpfliditet ift. 

JOSE: Was? 

öl 



CARMEN: Idi hab' alles verfudit, ihn von den Krebfen loszukriegen. 

JOSE: Was haft Du verfudit? (Springt auf.) 

CARMEN: <rdimeichlerifdi> Hab' Didi ja damals nodi nidit gekannt ^ 

JOSE: 's fdinürt mir die Kehle zu, wenn idi dran denk', daß Du wen 
anderen — ^. Wer Didi nur anrührt aus Verfehen, dem könnt' idi fdion 
den Arm abfdilagen. Mödit' jeden töten, den Du angelädielt haft, feitdem 
Du dreizehn warft! 

CARMEN: Ho! Hätteft viel zu tun, mein Lieber! 

REMENDADO: <rteht in der Tür, die zum Nebenraum führt) He, Carmen, komm', 
tanz' mit uns. <Carmen fpringt auf.) 

JOSE: (drüAt fie nieder) Carmen bleibt hier. (Carmen winkt Remendado ab) Wie 
halt Du Deinen Rom befreit? 

CARMEN: Hab' idi Dir nidit audi eine Feile ins Lodi gefdiidt? 

JOSE: Garcia i(t nidit mit einer Feile befreit worden! 

CARMEN: So wahr mir alle - 

JOSE: Wenn Du »So wahr mir alle Heiligen helfen« faglt, lüglt Du immer! 
Warum die Feile jetzt,- warum nidit vor zwei Jahren? 

CARMEN: (muß ladien) Bift nidit ganz fo dumm. Haft redit, dort oben 
helfen Feilen nidits. 

JOSE: Dennodi haft Du Deinen Rom befreit,- womit? 

CARMEN: Geht Didi nidits an! 

JOSE : (packt fie beim Handgelenk) Geht midi nidits an? 

1. KARTENSPIELER: (ohne fidi umzudrehen) Wenn Ihr dort drüben mit 
Eurem Streit nidit aufhört, renn' idi Eudi ein MelTer durdi den Leib. 

2. KARTENSPIELER: Stört ehrlidie Leute im Spiel! (Spielen aber unbekümmert 
weiter.) 

CARMEN: Laß midi! 

JOSE: Die Wahrheit! 

CARMEN: Genug damit. 

JOSE: Nidit eher, bis — 

1. KARTENSPIELER: (ohne fidi umzudrehen) Verdammtes Päd! Ruhe, fag' idi! 

62 



CARMEN: Ich kenn' einen engliTdien Offizier, der mir geholfen hat. 

JOSE: EngHfchen Offizier — (läßt fie U). Haft Du ihn <er fd) ludet) damals 
kennen gelernt — ? 

CARMEN: Ja. 

<Jofe fteht fdiueigend auf, in Sdimerzen. Carmen beobaditet ihn, dann müI fie fidi Icife ins 
andere Zimmer fdileidien, er bemerkt das und hält fie feft.) 

JOSE: Was haft Du dafür bezahlen müden? 

CARMEN: \d\ hab' nidits bezahlt. So wahr mir — laß midi! Idi mag 
Didi nidit! 

JOSE: Um nidits ift der Tod! 

CARMEN: Idi hab' nodi nidits bezahlt! 

JOSE: Nodl nidlt! <Er ftößt fie fo heftig von fidi, daß fie zu Boden fällt,- geht an ihr 
vorbei und ftößt fie derb mit dem Fuß) Heiligfte Madonna, warum lauf idi hinter 
diefer Dirne her! Warum lieb' idi diefes Weib . . . .? 

(Carmen fteht auf, fetzt fidi auf die Bank, blid<t ihn bös, aber zum erften Mal unteruürtig 
an und beginnt dann ftill vor fidi hinzuweinen. Jofe bemerkt es und wird gerührt.) 

JOSE: Carmen! <Leife) Carmen! <Auf hödifte erftaunt) Hab' Didi nie weinen 
fehen — dadit' nidit, daß Du weinen kannft! 

CARMEN: Idi wein' audl nidlt. <Er frreidielt ihre Hand.) 

JOSE: Idi liebe Didi und kann nidit leben bei dem Gedanken — <fie hält 
ihm mit der Hand den Mund zu), Idi denk' immer und denk' und feh' Didi mit 
anderen ^ und das eine Mal, wo idi Sdiildwadi' (tehen mußt' — werd's nie 
vergelTen, folartg' idi leb'. Kann's nidit aus meinem Hirn bekommen — und 
denk' weiter und weiter — <fie küßt den Verzweifelten auf den Mund, fo daß feine 
weiteren Worte erftiden). Nur Deine Lippen ^ — 

CARMEN: Eigentlidi hättelt Du vorher um Verzeihung bitten follen,- aber 
idi erlaß Dir's diesmal. <Klappert mit den Kaftagnetten, madit ein paar Tanzfdiritie. 
Er blid^t ihr kopffdiüttelnd nadi.) 

JOSE: Bift ein feltfames Gefdiöpf. 

CARMEN: Idi bin, wie idi bin. — Jofe, nodi einmal: laß midi gehen. Es 
wird ein fdiledites Ende nehmen. 

JOSE: Es ift zu fpät. Haft midi zu Dir gezogen. Jetzt gehören wir zu* 
fammen, Galgen oder nidit Galgen. 

6j 



i 



2. SZENE. 

CARMEN: (entwindet fich ihm) Laß midi! Caramba! Dort kommt der Ein- 
äugige! Der Teufel erwürge ihn! <Garcia und zwei Schmuggler kommen von der 
Tür im Hintergrund/ nur Garcia kommt nadi vorne, nadidem er im Hintergrund einige 
Männer begrüßt hat.) 

GARCIA: Das ift der Navarro? (Muftert Jofe) Alfo der gehört jetzt zu uns. 
Hab' fdion von Dir gehört, <Zu Carmen) Nathan Ben Jofef war hier. Wir 
haben abgeredinet. Er hat Dir fünfzig Pialter fdion vorausbezahlt, 

JOSE: Fünfzig? 

CARMEN: (rafch) Nur dreißig. 

GARCIA: Hat eben einer gelogen. 

CARMEN: (zu Jofe fdiuldbewußt) Nur dreißig — fo wahr mir — <ftodt) 

GARCIA: Madit das untereinander ab. Heut' Nadit muß alles fortgefdiafft 
werden, 

CARMEN: Weshalb denn diefe Eile? Heut' Nadit arbeit' idi nidit. 

GARCIA: Nathan will es fo. Die Küftenwäditer fdinüffeln herum. 

CARMEN: <lacht) Dies ift ein ehrfames Wirtshaus, 's liegt nur Wein im 
Keller und das find Orangenverkäufer und friedlidie Bauern. Und daß idi 
das unfdiuldiglte Frauenzimmer im ganzen Land bin, weiß jeder — 

GARCIA: Jeder, den Du nodi nidit befohlen und befdiwindelt halt. Halt' 
Didi heut' Nadit bereit — Du audi, Navarro! 

JOSE: Wenn's mir paßt. 

GARCIA: Wird Dir fdion palTen — die Galeere wartet fdion aufDidi ^ 
hab' den Sted^brief an allen Mauern gelefen — — , Gevatter, halt alfo alle 
Urfadi', Didi hier zu drüd^en und in die Berge — 

JOSE: Ebenfo wie Du! 

GARCIA: Ebenfo wie idi. <Lacht) Ganz riditig. (Geht zu den Kartenfpielern und 
fpridit zu ihnen,- fie antworten, ohne fidi im Spiel ftören zu lafTen.) 

CARMEN: Garcia kann gehen und bleiben, wie es ihm beliebt/ er hat 
Pardon bekommen. 

JOSE: (wie vom Donner gerührt) Pardon bekommen? Du halt ihn nidit heim^ 
lidi befreit? — (Auffahrend) Carmen, weldien Preis halt Du — 

CARMEN: Wenn's ihm redit ift, kann's Dir redit fein. 

64 



JOSE: Ift's ihm recht? 

CARMEN: Jetzt hat er feine Freiheit. 

JOSE: Er foll in der Freiheit keine alten Knochen bekommen. 

CARMEN: Das erfte vernünftige Wort. Ich wüßt' einen We«: — 

JOSE: <har nicht redit zugehört) Was für einen Weg? 

CARMEN: Bei dem die Knodien nicht alt werden. — (Erklärt) Mylord, mein 
Inglefito, kommt noch heute, fich feinen Lohn zu holen. 

JOSE: Hierher? 

CARMEN: Brüir nicht. Ich mußte es ihm verfprechen. Ich foll in feiner 
Villa wohnen, eine Woche, Zuvor, hab' ich ihn gebeten, foll er mit mir nach 
Ronda reifen, wo ich meine Schwefter befuchen will, weißt Du, die Nonne. 
(Lacht) Hinterm Dorfe Turo ift ein kleiner Hügel. <)ofe nickt) Dort wartet Ihr. 
Lord Debenham hat fchweres Geld bei fich — 

JOSE: Das laß ich Garcia beforgen. Bin ein Schmuggler, kein Straßenräuber. 

CARMEN: Wirft's fchon werden, Minchoro. Der Krebs ift ein mutiger Kerl 
und ftark und hat gute Piftolen. (Bedeutfam) Bleib' Du und die andern ein 
wenig zurück — laßt Garcia allein vorangehen — <er fieht fie an, fie fchiägt 
die Kaftagnetten) — dann — wenn's vorüber ift — (entfprediende Gebärde) kann 
ja einer einen Schuß auf den Krebfen abgeben. 

JOSE: Du bift der Teufel. 

CARMEN: Ja. 

JOSE: Glaub' nicht, daß ich auf fo was eingeh'. (Carmen zuckt die Achfeln, 
klappert mit den Kaftagnetten, wendet fich ab.) 

JOSE: Eines Tages werd' ich Dich von ihm befreien. Aber wenn's foweit 
ift, fecht' ich's mit ihm aus, wie wir es tun bei uns oben — Aug' in Aug', 
mit dem Meffer. Bin noch kein Zigeuner, bin noch immer ein Hidalgo, ein 
freier Navarrefe. 

CARMEN: Ein Navarrefel bift Du! (Stampft mit dem Fuß) Garcia wird Dich 
abftechen wie ein Schwein und wie Du es verdienft. 

JOSE: Ich werde ftärker fein als er. 

CARMEN: Ich bin Deiner überdrüffig, wahrhaftig. Dummheiten, nichts als 
Dummheiten! Und ich werd' lachen, wenn ich Dich am Galgen baumeln feh'. 
(Sie fetzt fich neben Garcia zu den Spielern,- jofe folgt ihr langfam nach.) 

65 



3. SZENE. 

GARCIA: Ein Spiel, Navarro? Um einen halben Piafter! 

CARMEN : <räkelt fidi auf der Bank) Spiel', Jofe, möcht' wifTen, wer von Euch 
beiden Glück im Spiel hat ^ und in der Liebe. 

GARCIA: Glück in der Liebe hat, wer weit weg von Dir ift, 

CARMEN: Dann wirft Du diefes Spiel gewinnen, Garcia. <Ohne daß Garcia 
dies bemerkt, küßt fie Jofe von hinten auf den Naden.) 

JOSE: <dreht fidi um, leife) Teufel! 

GARCIA : <fpielt aus) Idi gewinne immer. 

CARMEN: Außer, wenn Du auf der Feftung fitzeft, 

GARCIA: (fährt auf) Halt' Dein fredies Maul, fonft 

CARMEN: (ruhig) Bleib' ruhig fitzen. (Soldaten find ins Zimmer getreten) 's ift 
nidit gerade notwendig, daß die ganze Welt auf Dich aufmerkfam wird. 

JOSE: (ftreift Geld ein) Das gehört mir. 

GARCIA: Um einen Piafter. 

2. KARTENSPIELER: Garcia ift ausgehungert,- (zeigt naA der Feftung) dort 
oben gibt's kein Kartenfpiel. 

GARCIA: Äfer, madit Eure Brotläden zu ! (Zu Jofe) Du kommft,- -- wohin 
gaffft Du? (Carmen hat hinter dem Rücken ihres Mannes Grimaden gefdinitten und Jofe 
Augen gemadit. Jofe fpielt aus,- drei, vier Stidie,- ftummes Spiel.) 

GARCIA : (Karte auf Karte weit ausholend auf den Tifch fchIagend)LInd Coeur-Dame ! 
(Als ihm zugegeben wird, befriedigt) Coeur-adit! — Und Coeur-König! — Coeur^ 
neun! Und Coeur^As! — Coeur^zehn. (Ironifch) Und Coeur^Bub, aha! Pick^ 
fieben. — Und Coeur^fieben ^ ^ ^ Pick^adit. — Madit i, 2, 3, 4, 5, 
6, 7, 8, und den letzten madit zehn und 98 macht 108 und zehn madit 118. 
Und vier Stidie. 

JOSE: (die Hand auf die gegnerifdien Stidie legend) Halt! Halt! Wo ift Treff^Dame? 

GARCIA: (Tut erftaunt) Was für eine Treff ^Dam'? 

JOSE: (erregter) Nun die Treff^Dam'! 

GARCIA: Was weiß idi Treff-Dam'! 

JOSE: (wütend) Du haft vier Damen angefagt! Wo ift die Treff*Dam'? Du 

66 



halt fie gelegt — fie ift im Talon. Und Du halt fie angefagt! 

GARCIA: <wirft die Karten auf den Tifdi, daß fie durdieinanderkommen) Grün- 
fchnabel, idi reiße Dir die Zunge aus, wenn Du lügft. 

JOSE: <heifer> Halt Du nidlt vier Damen angefagt? <Sudit die Stidie auseinander- 
zuhalten, > 

1. KARTENSPIELER: <ladit> Wer vorfiditig ift, fdiaut feinem Partner auf 
die Finger . , . <Es find englifdie Soldaten eingetreten, dann Sdimuggler, dann Frauen 
und Mäddien,- einige find nadi vorne gekommen und fehen dem Spiele zu.) 

CARMEN: <zum erften Spieler) Glaubft wohl, bifi: ein ganz Gefdieiter. — 
Garcia hat Caro^zehn ausgefpielt -- Jofe hat geftodien. Dann hat Jofe Caro^ 
As und König gefpielt und haft Du — <auf Garcia zeigend) Caro^Dam' Stidi 
gemadit. Und dann Du Treff^König. Und dann er Treff^As. Und dann Du 
Pick^Dame, Coeur^Dame, Coeur^König, Coeur^As, Coeur^Bub', Coeur-^ 
Sieben. <Die Kibitze find in Bewunderung.) Und wo ift die Treff^Dame?! (Springt 
beifeite, weil fie fieht, daß Garcia ein Glas nadi ihr wirft.) Wo ift die Treff-Dame? 
Du haft vier Damen angefagt. 

GARCIA: Wenn Du nodi einmal herl^ommft, treib' idi Dir den Sdiädel ein! 

JOSE: 's ift vielfeicfit nodi einer da, der Carmen befdiützt. 

GARCIA: Carmen findet für ein paar KüfTe immer einen, der ihr einen 
Dienft erweift. 

JOSE: <nodi unterdrüdt) Hund . . . <hebt die Fauft) Wo ift die Treff-Dam7 

GARCIA :• <packt einen Haufen Karten und haut fie Jofe ins Gefidit) Sudi' fie Dir! 
{Springt auf und zieht eine Piftole. Jofe fdilägt fie ihm aus der Hand und tritt mit dem Fuß 
darauf. Die beiden melTen fidi. Die zwei Kartenfpieler aber werfen das Spiel zufammen und 
beginnen fofort ein neues Spiel, ohne von den weiteren Vorgängen die geringfte Notiz zu 
nehmen. Carmen ift links vorn auf eine Bank geftiegen und fieht gefpannt dem Kampfe zu.) 

JOSE: Die Piftole kriegft Du nimmer. — Haft Du Mut — fo zieh Dein 

MefTer. <Sie kommen nadi der Mitte.) Dein Faffchfpiefen <zud^t die Adifeln) verzeih 
idl Dir — es geht um anderes. <Er gibt Garcia redits und links eine wuditige Ohr- 
feige,- fpringt zurüdt und zieht fein MelTer. Garcia zieht audi das Melier. Garcia hält feinen 
Hut in der linken Hand, um zu parieren, fein MelTer vorwärts. Jofe fteht mit erhobenem 
linken Arm und vorgefetztem linken Bein da, hält fein MelTer in der rediten Hand, längs des 
rediten Sdienkels. Garcia ftürzt auf Jofe zu,- der dreht fidi auf dem linken Fuß herum. 
Garcias Stoß geht in die leere Luft, und durch die Wudit des Stoßes fällt er ein wenig nadi 
vorn. Jofe erwifdit ihn bei der Gurgel und hebt jetzt fein MelTer, um es ihm in den Hals 
zu ftoßen. — Einige Sekunden vorher find aber Lord Debenham, Capitaine Sequin und Lucas 
eingetreten. Das Volk hat dem Kampf gefpannt zugefehen, ohne einzugreifen. Lucas jedodi 
fpringt jetzt hinzu und faßt von hinten den erhobenen Arm Jofes. Entwindet ihm rafdi das 
MelTer durdi eine kleine Drehung der Fauft.) 

68 



LUCAS: Willlt wohl auf die Galeere? (Jetzt trennen die Schmuggler die beiden 
Kämpfenden, die wieder aufeinander losfahren wollen.) 

VOLK: (ruft) Lucas! Lucas! Viva! (Er dankt ftolz, dodi erfreut und leutfelfg) 
Bravo! Viva! 

CAPITAINE: Ah, voilä, Carmen! 

LORD: Wie blaß das arme Kind ilt! (Sieht Garcia) Carmen, Deine Bruder 
fdion wieder der MefTer in die Hand. Idi hätte ihn nidit freigeben follen. 
(Zu Garcia) Fort mit Dir! Fort! 

CARMEN: Was habt Ihr Eudi dreinzumifdien, Senor Lucas? 

LUCAS: Das war Totfdilag! Dem Mann (zeigt auf Garcia) war nidit zu helfen. 

JOSE: Idi dank' Eudi's nidit. 

LUCAS: Braudi' keinen Dank. Hol' mir den immer felber, (Geht läAelnd, 
(tolz wie ein Pfau umher, läßt fidi bewundern. — Im Raum herrfdit große Erregung. Gruppen 
befpredien den Fall. Es kommen nodi andere von außen hinzu.) 

4. SZENE. 

GARCIA: (tritt auf Jofe zu) Heute Nadit! 

JOSE: Wenn Du willft, gleidi jetzt. (Garcia nickt und ab.) 

CARMEN: (tritt rafA auf Jofe zu) Was wollt' er? 

JOSE: Wir bringen's zu Ende. 

CARMEN: (hält ihn) Mir ekelt vor Dir, Dummkopf. Deine navarrefifdie 
Auslage ^ Jefus! (Imitiert feine Auslage) Er hätte Didi getötet, wenn er nidit 
blind wäre — — (tatt mir zu folgen, hier Streit beginnen — geh' — geh' — 
geh' mir aus den Augen, bift dümmer als ein Stier! (Wiegt fidi in den Hüften 
und geht lädielnd auf Lord Debenham zu.) 

JOSE: (wütend) Her da! (Will fie zu fiA ziehen. Sie reißt fidh los.) 

CARMEN: (wütend) Verfudi' das nidit nodi einmal! Idi will frei fein! Idi 
will nidit mehr gequält fein! Idi will nidit! 

LORD: Carmen — idi habe den Bruder freigegeben, (umfängt fie) aber idi 
nehme die Sdiwefter gefangen! 

LUCAS: Guter Taufdi! 

JOSE: (außer fidi vor Wut) Idi jag' ihm das MelTer in den Leib! (Einige 
Sdimuggler halten ihn zurüd.) 

69 



1. SCHMUGGLER: Hüte Didi, Navarro! 

2. SCHMUGGLER: Mit diefem Herrn ift nidit zu fpalTen. 

3. SCHMUGGLER: Koftet den Kopf! 
LORD: Was will der Kerl? Hinaus! 

JOSE: Willft wohl jetzt Deine Sdiuld bezahlen? 

CARMEN: Wenn man midi befdiuldigt, ift's audi bald gefdiehen. 

LORD: Idi lade Didi von meinen Soldaten fortfdiafFen. 

CARMEN: (zum Lord) Wie dumm er ausfieht! Wie eine Katze, die im 
Küdienfdirank ertappt wurde. 

JOSE: Und Du fiehlt aus wie eine regelredite Dirne und \d\ hätte gute 
Luft, Dir vor Deinem Galan das Gefidit zu zerfetzen. 

CARMEN: Ei, mein Galan! Haft Du das ganz allein erraten? Siehft Du 
denn nidit, daß idi ägyptifdie Gefdiäfte .... 

JOSE: <unterbrediend> Wenn Du ägyptifdie Gefdiäfte auf diefe Art be* 

treibft — 

LORD: Was will er nodi? 

CARMEN: Er mödite gern einen Sdilud^ trinken. 

(Capitaine reidit ihm ein Glas, Jofe trinkt.) 

JOSE: Bezahlen kannft Du es ihm — Straßenweib! 

LORD: Nodi nidit ift er fort? 

CARMEN: <Iadit) Er mödite nodi einen Piafter! 

LORD: <reidit ihm Geld und klopft ihm auf die Sdiulter) Gut gefoditen. Jetzt gehe 
nadi Haufe. 

JOSE: <wirft das Geld Carmen ins Gefidit) Sdimutzdirne! Kann Didi jeder haben, 
der ein Geldftüd^ bezahlt! Madonna, idi hab's fatt. 's gibt nodi andere 
Frauenzimmer auf der Welt. Hol' der Henker Didi und Deinen Galan! 

<Er geht durdis Zimmer.) 

CARMEN: <höhnifdi) Wir fehen uns wieder, ehe einer von uns gehenkt wird. 

LORD: Komm', Carmen! <Beugt fidi über fie, als ob er fie kü(Ten wollte. Jofe hat 
fidi bei der Tür nodimals umgedreht und fieht dies,- da geht er ab.) 

CARMEN: Er hat fidi an Orangen übereilen und mödit' jetzt faure 
Äpfel verfudien. 

70 



LORD: Gehen wir. <Nimmt Carmen unter den Arm. Gehen dem Hinterj^rund zu. 
Plötzlidi ftockt Carmen und macht fidi los. Sie bemerkt, daft vor der Tür ein Hauptmann 
der Küftenwadie fteht mit vier Mann, Gewehr bereit. Sie dreht fidi um, tut fo, als ob fie 
etwas an ihrem Kleid ricfiten müßte und bemerkt, daß bei einer anderen Tür audi zwei 
Küftenwäditer aufgetaucht Imd. Sie ruft leife.) 

5. SZENE. 

CARMEN: Dancairo! <Er fteht plötzlich neben ihr) Küftenwäditer! 

DANCAIRO: Hab' fie bemerkt. 

CARMEN: Ich komme gleidi, Mylord. — <Zu Dancairo) Reißt ihnen die 
Gewehre weg — idi nehme den Hauptmann — <die Kunde verbreitet f.ch blitz- 
fcfinell im ganzen Raum,- man bemerkt aber nur eine gewilTe Bewegung unter den Schmugglern. 
Alle anderen merken noch nichts, trinken, lachen, ufw. Die Schmuggler verteilen fich im Raum.) 

LORD: Carmen, komm'! 

HAUPTMANN: (der Küftenwache tritt vor) Halt — keiner rührt fidi aus der 
Stube! — Weldier ift Garcia hier? Wird audi der Einäugige genannt! 

REMENDADO: Nidit hier - haben ihn nidit gefehen. 

HAUPTMANN: Muß hier fein! Heut Nadit ift Sdimugglerware durdis 
Stadttor — — 

CARMEN: (ift lächelnd auf den Hauptmann zugefchritten. Jetzt reißt fie ihm das Gewehr 
aus der Hand.) Gevatter, Euer Gewehr! <Im felben Augenblick ftürzt fich Remendado 
auf den Hauptmann und wirft ihn zu Boden. Die übrigen Schmuggler werfen fich nun auf die 
übrigen Küftenwächter und fuchen ihnen die Gewehre zu entreißen. Es entfteht fofort ein allge» 
meiner Tumult. Die rotröckigen englifchen Soldaten ergreifen die Partei der Küftenwächter und 
fchlagen fich mit den Schmugglern, die jedoch weitaus in der Überzahl find. Dancairo ab.) 

LORD: Carmen! Was bedeutet das? <Zu den Soldaten) Los! Vorwärts! On 
and at them! öo for them! 

(Carmen, mit dem GeNxehr in der Hand, ift auf einen Tifch links gefprungen und fpornt 
ihrerfeits die Schmuggler an. Lord fteht rechts und kann nicht zu ihr, da er fich einiger 
Schmuggler erwehren muß.) 

CARMEN: Dancairo! Rafdi! Vor die Tür! Laß niemand herein! Niemand 
hinaus! Nidit fdiießen! Nidit fdiießen, damit fie keine Hilfe bekommen. <Zu 
einem Schmuggler) Nimm Dein MelTer, wenn er nidit pariert! Remendado, 
rafch, die Ballen wegge fdl a fFt ! (Einige fpringen in den Keller) Los! (Hält ihr Gcxxehr 
bereit) Hurra, der Krebs hat keine Piftole bei fidi. Leert ihm die Tafdien. 
(Zu dem von draußen hereinftürzenden Dancairo) Wo ift Garcia? 

DANCAIRO: In der Hölle! Jofe hat ihn umgebradit. (Wirft fich fofort auf 
einen Soldaten. Lucas, der im Nebenraum bei den Singenden und Tanzenden gewelen war, 

7» 



ift auf den Lärm und Tumult hereingekommen und befieht fidi von einem Tifdi recfits den 
Kampf. Hinter ihm erfdieinen vom anderen Raum Gruppen von Männern und Frauen, die 
fdion ganz betrunken find. Sie torkehi eingehängt, bleiben aber bei der Tür und brüllen, fo 
laut fie nur können. Einige vermengen fidi mit den Raufenden, fallen zu Boden, ufw.) 

LUCAS : (winkt der am anderen Ende des Zimmers auf einer Bank Itehenden Carmen zu) 
Carmen! Carmen! Der Mai! 

CARMEN: Idi komme! 

<Carmen ladit, läuft, von einem Tifdi zum anderen fpringend, über den ganzen Raum. Lucas 
zieht fie bis zum Fenfter, Er fpringt hinaus, fie nadi, ab. — Der Kampf nimmt feinen 
Fortgang. Von einer anderen Tür ftürzt jetzt )ofe herein. Man merkt ihm an, daß er einen Mord 
auf der Seele hat. Er hat ein Melier in der Hand, läuft fdinurftradis auf den Lord zu und 
ftidit ihn nieder. — Von den übrigen unbemerkt. Nur der Capitaine, obgleidi audi kämpfend, 
hat dies gefehen, zieht feine Piftole und feuert auf jofe, verwundet ihn,- Jofe fällt zu Boden.) 

JOSE: Carmen! — Wo ift Carmen? 

DANCAIRO: (brüllt ihm ins Ohr> Mit Lucas, dem Efpada, davongerannt ! 

<)ofe öffnet die Augen weit.) 

JOSE: Mit Lucas?! (Erftarrt und fällt leblos hin.) 

<Die Gruppe der Singenden brüllt noch immer in hödiften Tönen. Vom anderen Raum erklingt 
nodi immer Mandolinenklang. Der Kampf ift zu Ende. Aber nodi wird gefludit und gefdirien. 
Alles äußerft rafdi durdieinander. Vorn redits aber fitzen die zwei Kartenfpieler und fpielen, 
als ob nidits vorgefallen wäre.) 

VORHANG. 



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V. BILD. DIE ARENA IN CORDOVA 



Cordova. Das Innere der Stierkämpferarena. Knapp am Profzenium erhebt 
fidi eine zirka zwei Meter hohe Holzplanke. Hinter derfelben ift ein Zwifdien* 
räum gedadit und hinter diefem Zwifdienraum — dem Rettungsraum der 
vom Stier verfolgten Banderilleros — beginnen die Logen, kleine, viered<ige, 
buntbehängte Verfdiläge wie im Zirkus. Man fieht eine Anzahl Logen, die 
durdi Gänge von einander getrennt find. In der Mitte läuft eine fehr fanft 
anfteigende Treppe, die zum Amphitheater führt, auf dem das Volk ge- 
drängt fitzt. Carmen, grell gefdiminkt wie alle anderen Weiber, in allen 
Farben fdiillernd und pompös gefdimüdt, fitzt vorn in einer Loge. Hinter 
ihr, in fdiwarzer Seide, fitzt Dorothee. Die Bühne liegt im grellften Sonnen- 
fdiein, — Das Ordiefter fpielt fdion im Zwifdienakt den alten, traditionellen 
Stierkämpfermarfdi : 

ya sale la cuadrilla 

De los toreros 

EI tato y gordito 

Son los primeros — 

Diefes fdimetternde Bledi kommt erft zu Ende eine kleine Weile nadidem 
der Vorhang aufgegangen ift. Wenn der Vorhang aufgeht, herrfdit großer 
Tumult, aber kein übermäßiger Lärm auf der Bühne. Das Volk vom oberen 
Amphitheater überflutet die Logengänge und die Mitteltreppe. Gendarmen 
bemühen fidi, das Volk zurüd^zudrängen. Erft nadidem ihnen dies gelungen 
ift, erblidit man die Logeninhaber und Carmen. Die meiften Frauen tragen 
weiße Mantillen,- die Hauptfarben find jedodi Sdiarladirot und das Gelb ihrer 
Fädier. Diefe Fädier find in fortwährender Bewegung, wodurdi dem Bild 
eine ftarke Unruhe gegeben wird. Alte Frauen mit Wafferkannen gehen 
umher und rufen: Agua! Agua! Es werden allerlei Erfrifdiungen, Bilder ufw. 
verkauft. Es wird offenkundig geliebäugelt. Männer fallen Mäddien unters 
Kinn, legen ihre Arme um deren Hüften, ufw. Sowie der \Iarfdi zu Ende 
ift, applaudiert das Volk ftark. 

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GENDARMEN: Zurück! Zurück auf Eure Sitze! 

VOLK : (ftarrt während des ganzen Aktes auf die Arena, geradeaus, alfo in den Zu- 
fdiauerraum. Alle Vorgänge um Carmen gehen für das Volk gänzUdi unbemerkt vor fidi. 
Die Leute brüllen, fdireien, geftikulieren, ladien, hofieren, verfolgen jedodi die EreignilTe der 
Arena mit großer Spannung und begleiten fie mit Geften und imitierenden Bewegungen, mit 
Ausrufen, Naturlauten ufw.> Wir wollen den Stier herausfpringen fehen, den 
Stier! Den Stier! 

GENDARMEN: Ihr feht ihn audi von oben! Zurüd^! <Fanfaren. Gendarmen 
langfam ab.) 

VOLK: Aditung, der Alkalde wirft den Sdilüffel! ^ Tölpel, kannft nidit 
belTer auffangen?! ^ Na, galoppier' — Galopp, Galopp, Galopp! (Fanfare. 
Es tritt Stille ein, dann ein plötzlidier Auffchrei) Der Stier, hurra, der Stier! — O, 
ein fdiwarzer, ein fdiwarzer, ein bösartiger — . Die Sonne blendet ihn, ^ 
Wadi auf, Efel! Efel! Guten Morgen! ^ Ausgefdilafen ? — Ha, ha, ha, 
er fpringt fdion! — Ja, jetzt fährt er los, ^ Paßt auf, der madit kurzen 
Prozeß. —' Bravo, Stier! — Viva! — Vorwärts! — Los! ^ Auf die Pferde, 
los! — Ha! — Bravo Picador! — Habt Ihr gefehen, wie er den Stoß aus- 
gehalten hat? —' Aber das Pferd ift hin — Hin — . Fällt fdion — . Hin ift 
hin. — Nädifter, vorwärts! — Vorwärts, los! 

DOROTHEE: (faßt die nach allen Seiten kokettierende Carmen beim Arm) Jofe 
ift hier. 

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(Jofe ifr vorn rechts eingetreten.) 

CARMEN: <dreht fidi nur halb zu ifir) O, (K-n hnür uh beinahe fdion vergcITcn. 

<|ofe kommt von rechts zur Loge.) 

DOROTHEE: Navarro, find fic hinter Dir? Bift fo bleicii und atemlos?! 

JOSE: Nidirs, nidits! 

DOROTHEE: Kannft ja garnidit reden. <jofe greift ficfi .ins Hcrz> Ilt die 
Wunde ganz verheilt? 

CARMEN: <ladit, Jofe verfchlingt fie mit feinen Blidten. Sie ruft in die Arena und 
applaudiert) Ein entzückender Stier! Viva! Viva! 

VOLK: Das ift ein wilder — hab' es gleidi gefagt — das Pferd lebt keine 
fünf Minuten mehr. Bravo, Stier! — Tapferer Stier! 

DOROTHEE: Bift uns frühzeitig ausgebrodien? 

JOSE: Bin lang' genug gelegen. 

DOROTHEE: Wo haft Du die Zeit über gefteckt? 

JOSE: <rtarrt auf Carmen) Hab' jemanden gefudit. 

CARMEN: <fdireit auf) Verwundet! - Das Blut! <Zu jofe) Haft Du was 
Gezuckertes bei Dir? <Er fdiüttelt den Kopf.) 

VOLK: Sie haben ihn fchon ! Bravo, Picadores! — Dummer Stier! Ein 
blödes Vieh — rennt davon --. Bravo, bravo, bravo — . Viva el toro! 

JOSE: (zu Carmen) Siehft wohl Stierkämpfe gern? 

CARMEN: Für mein Leben gern. — Du nicht? — Ha, aufgefpießt! — 
Das war Leontico Lagartijo, idi kenn' ihn gut! Hat ihm das Leben gerettet. 

VOLK: Das dumme Pferd — Leg dich, kannft ja nidit mehr kriedien — 
Wie es die gelben Zähne vorftreckt — O, die langen Zähne — Hüpf nodi, 
hüpPnoch. Galopp, plumps! Hingefallen! <Das ganze Publikum, wie auf Kommando 
gleicfizeitig, brüllt laut vor Ladien über das gefallene Pferd) Ha, ha, ha, ha! 

DOROTHEE : <zu Jofe) Wir hätten Did» gern noch gepflegt. Carmen ift Tag 
und Nadit bei Dir gefefTen, wie Du im eiskalten Schweiß gelegen bift. 

JOSE: Dancairo hat es mir erzählt. 

DOROTHEE: (ficfithcfi bemüht, Carmen in gutes Lidit zu fetzen) Daß Du noch 

lebft, verdankft Du ihr. 

JOSE: Vielleicht wär's befler gewefen, fie hätte mich krepieren lalTen. <F'anfare) 

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VOLK: Still! Aufgepaßt! — Er fpringt ihm zwifchen die Hörner — Bravo, 
bravo — Viva — Paßt auf, jetzt zieht er ihn am Schweif. <PIötzlicfie Stille. 
Dann bredien alle wie oben in Lachen aus) Ha, ha, ha, ha, ha! 

CARMEN: Das war Pedro Delegado! Viva Pedro! 

DOROTHEE: <zu Jofe) Carmen hat Didi mit vier anderen aus dem Hofpital 
der Rotröcke heimlich weggefdiafft. 's war keine leichte Arbeit. Und fie hat 
Dich gepflegt wie -- 

JOSE: Halt 's Maul! — Laß midi jetzt mit Carmen allein ^ 

CARMEN: Ich hab' nidits mit Dir zu reden. Dorothee, bleib' hier! <ZuJofe> 
Zwifchen uns ift's aus. Und je früher Du das begreifft, de^to belTer für Didi. 

JOSE : <ernrt, befehlend) Dorothee, laß mich mit ihr allein. <Dorothee humpelt 
aus der Loge, Iteigt ganz hinten hinauf, wo fie fofort mit einem anderen alten Weib ein 
Gefpräch beginnt.) 

CARMEN: (zuckt die Adifeln und ftarrt auf die Arena) Herrera Rodriguez und 
Francisco Montez und Frascuelo und Guerrita und Joan Paftor. 

JOSE: Sdieinlt alle gut zu kennen. 

VOLK : Der Stich fitzt ^ Habt Ihr's gefehen ^ Wie ruhig er die Banden 
rillas anfetzt — Saint Ifidore, der kann was! — Bravo, bravo, Guerrita! 

JOSE: <zu Carmen) Idi ftand draußen und dachte nach, ob idi wohl herein 
follte. Hoffte Dich zu treffen und fürditete Didi zu treffen, und kaum ftand 
idi drinnen, fah ich Didi, Aus allen den hundert Gefichtern fand ich Dich heraus. 

CARMEN : Bift ein treuer Hund, Navarro. Komm', leg' Dich in die Ecke. 
(Grinft ihn an) Seh' fdion ^ halte Dich noch immer feit wie am erften Tag. 

JOSE: War' mir leichter, ich hätte Didi nicht hier getroffen. 

CARMEN: Jeder Menfch fieht Stierkämpfe gern. <Gegen die Arena) Der 
Schwarze ift noch lange nicht müde ^ wie er fdinauft und glotzt — <lacht) 
wie Du. 

VOLK: Ho, ho ^ das gibt's nidit! — Der will ausreißen! — Kanaille! 
Bandit von einem Stier! — Willft fchon in den Käfig zurück? Willft ein 
andalufifcher Stier fein!? Eine afrikanifche Kuh bift du! — Peitfcht ihn — 
Steckt ihm Schwärmer unter den Bauch — Melkt ihn ! (Gelächter) ! Vorwärts ! 
Los, los! 

JOSE: Sie haben mir alle erzählt. Du halt mich gepflegt,- (zweifelnd) Carmen, 
liebft Du midi noch? 

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CARMEN: Bild' Dir nur das nidit ein. 
JOSE: Weshalb tateft Du's? 

CARMEN: Idi hab' getan, was eine Romi tut — aber idi liebe Üidi nidit. 
Du bift mir zuwider mit Deiner Eiferludu. Willft midi beherrfdien — 

VOLK: Fauler Stier ^ Aas! Kanaille! - Willft wohl weiter - Brennt 
ihm den Sdiweif ab — Bravo, bravo! 

JOSE: Wenn Du zu mir zurüdkehrft — 

CARMEN: Wenn idi zurüdkehr' 

JOSE: <eindringlidi) Diefes Leben ift fdiledit für Didi ! Es ift ein Sdiand- 
gewerbe. 

CARMEN: Mir paßt es. <Er will fpredien) Sdiweig, laß midi. (Auf d.e Arena 

deutend) Das war herrlidi. — Carlos Trinidad — 

FRAUEN AUS DEM VOLK: Entzüdend! Charmant! Ihr feid beide 
entzüdend — Beide feid ihr tapfere Kerle ! — Viva el toro! Viva el bände* 
rillero! 

CARMEN: Das Vieh ift zäh, <ladit> wollt' ihm nadi über die Barriere — 
fo ein Efel von einem Stier <ladit und ladit), 

VOLK: Ihm nadi — Ihm nadi — Spießt ihn auf! Rette Didi! Hurra! 
(Fanfare.) 

JOSE: Idi bin gekommen. Dir einen Vorfdilag zu madien. Hörft Du zu, 
Carmen? — Hör' midi nur einen Augenblid. Hab' lange darüber nadigedadit, 
was mir den Frieden wiedergeben könnt' und audi Dir. Komm' mit mir — . 
Wir gehen nadi Amerika. Du folllt es gut haben. Idi habe Geld, Du weißt, 
bei Ben Nathan, und audi in der Sierra vergraben. Es reidit, um ein fdiönes 
Stüd Land zu kaufen. 

CARMEN: Dort foll idi wohl Kohl anbauen, was? — O, das Blut auf 
dem weißen Sand ^ gib mir Deine Hand, Jofc (fie greift lüftern nadi feiner Hand). 

JOSE: Idi will für Didi anbauen und arbeiten. Nur bleib' bei mir und fei 
mein Weib — meines —' — 

CARMEN: Möditeft midi in einen Käfig fteden <ladit), itii lauf lieber frei 
herum — fang midi, wenn Du kannft (wirft feine Hand \xeg), 

(Ein Mann in einer Loge umarmt eine Frau und küßt fie fdiallend auf den Mund.) 

JOSE: Haft kein Herz in Dir? 

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CARMEN: Hordi, wie es klopft — da — <zeigt auf die Arena). Ah, die 
Hörner mitten in den Baudl ! ! (Sie fühlt es mit. Alle Weiber madien inftinktiv die- 
felbe Bewegung und ftoßen brunftige Sdireie aus.) 

JOSE; <der garnidit hinunterfieht) Wie ein Bfunnengewidit hängt meines mir 
im Leib. 

CARMEN: Du follteft willen, ob idi ein Herz habe, Mindioro — — . Haft 
Du nidit oft genug daran gehordit? (imitiert ihn) »Carmen, idi führ Dein Herz 
fpringen ^ wie ein wildgewordener Stier« — und dann küßteft Du midi 
auf die Lippen. (Man fieht deutlidi, wie ein Sdiauer durdi feinen Körper geht) Zud^ft 
fdion wieder? (Ladit) Wüßt' es ja -^ immer, wenn idi nur von meinen Lippen 
fpredie, zud^ft Du. Navarro '— -— meine Lippen fmd fo weidi und 
wohlig/ — erinnerft Du Didi an die Candiiejoftraße, das erftemal ^ — 
(auf die Arena) o, Blut — — 

JOSE: (totenblaß, wifdit fidi den Sdiweiß von der Stirne) Sdiweig' ftill, Carmen, 
fonft tot' idi Didi. 

CARMEN: Ho, das Hünddien will beißen, beiß' nur, beiß', aber nidit in 
die Wade,- dort bin idi kitzlig. Erinnerft Du Didi nodi an meine weißen 
Strümpfe? (Ladit unbändig) Mit denen idi aus dem Baskenlande kam? Und Du 
glaubteft, (imitiert ihn) idi ftamme aus dem Lande Jefus, zwei Sdiritte vom 
Paradies. Ha, ha, ha! »Und wenn idi Didi külTe, bin idi audi dort und höre 
die Engel im Himmel fmgen ^ —.« 

JOSE: (der fidi in tieffter Trauer verfpotten ließ) Idi kann es nidit ertragen — — 

CARMEN: Nicola Fuertes ! 

VOLK: Das ift Nicola Fuertes! — Aufgepaßt! -^ Idi weiß, was jetzt 
kommt! — Er fpringt mit dem Stab über ihn. — Nein, er bleibt ftehen, 
gerade vor dem Stier — Vorwärts, feiges Luder. Feigling! Los, los auf 
ihn! (Stille, dann bridit plötzlidi der Lärm los) Bravo, bravo, Viva! Gerade hinter 
der Sdiulter. ^ Viva Nicola, viva Nicola! 

JOSE: Nidits kann mir den Frieden wiedergeben, nidits! 

CARMEN: Nidit einmal, wenn idi Didi küßte? Mit offenem Mund und 
naften Lippen! (Nadi der Arena) Wie das Blut riedit. Sdiafft den Kadaver 
hinaus ! Pferde ! Pferde, neue Pferde ! 

JOSE: Carmen, komm' mit mir. Wir reifen fort, wo niemand von diefen ^ 

CARMEN: In Amerika gibt's audi Männer — ^ 

JOSE: Mutter! 

CARMEN: Idi will Dein Gewinfel nidit. 

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JOSE: Du bift der Unfrieden. 

CARMEN: Kufdi! Idi will heute luftig fein. 

JOSE: Idi will größer fein als unfer Herrgott, denn Gott im Himmel kann 
Dir nidit verzeihen, was idi Dir heut' verzeihen will. 

VOLK: Fort mit dem Stier! — Ho, ho, fdion wieder ein Pferd. — Die 
Eingeweide hängen wie Würfte heraus — — Efpada, Efpada, heraus! ^ 
Der ift ja toll vor Wut — Blutet von allen Seiten — Wie er losfährt, 
feht! — Efpada, heraus! Efpada! 

CARMEN: <die den Ruf nadi dem Efpada gehört hat, fetzt fidi in Pofitur/ zu Jofe) 
Fort! ^ Fort mit Dir! Hörft Du! 

JOSE: Idi gehe nidit, außer Du kommft mit mir. (Pad^t fie bei der Hand, fie 
reißt fidi los.) 

VOLK: Lucas! Hurra, Lucas! Viva TEfpada! 

CARMEN: Viva Lucas! 

JOSE: Komm'! 

CARMEN: Nein! 

JOSE: Du liebft Lucas. 

CARMEN: Ja, wenn Du es willen willlt — <rödielnd vor Sinnlidikeit) und 

Didi halle idi! 

JOSE: Du folllt keinen anderen mehr lieben — — 

CARMEN: <nadi der Arena) Lucas! Viva! — Addio, Stier! 

VOLK: (werfen Blumen in die Arena, fdiwenken Tüdier) Aufgepaßt! — Feiger 
Stier! — Feiges Luder ^ So komm' — Komm' Aof^ heran — Feiges Vieh — 
Los, los, los, los, los, los, los! Bravo! ^ Hetzt ihn, brennt ihn! — Vorwärts! — 
Los, los, los, los! — Bravo Efpada! 

CARMEN: (fdiwenkt ihr Tudi und ruft mit den anderen) Lucas! 

DIE STIMME DES LUCAS: <unten in der Arena) Herr Präfident, idi grüße 
Eudi und bitte um die Erlaubnis, diefen Stier töten zu dürfen. Einer von 
uns muß (terben! <Fanfare,) 

VOLK: Los, los, los! — Töte ihn, töte ihn, töte ihn! Er muß fterben — 
Töte ihn! 

CARMEN: Deine Farben, Lucas! 

JOSE: <zieht ein MelTer) Heilige Madonna, hilf mir — 

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CARMEN: <ladit> Glaubft wohl, ich fürchte mich vor Dir! Kanari! <Zcist 
auf die Arena) Dort ift ein Mann! (Ladit ihn aus, ftutzt plötzlidi über feinen finfreren, 
entfcfilolTenen Blick. Sie bricht im Lachen ab.) 

JOSE: <pad<t fie beim Arm) Du liebft keinen mehr. (Will ftcchen.) 

CARMEN: (reißt ficfi mit einer verzweifelten Gebärde los und fchlüpft aus der Loge. 
Erfchrocken) Jofe — — 

VOLK: Seht Lucas! Seht! — Töte ihn, töte ihn, töte ihn, töte ihn, töte 
ihn, töte ihn! Er muß Iterben! Töte ihn, töte ihn! (jofe läuft hinter Carmen her. 
Sie läuft die Treppe hinauf, ftockt oben und überlegt eine Sekunde, wie fie Jofe entwifchen 
könnte,- er ift durch den linken Logengang gelaufen und ftockt jetzt auch, da er fieht, daß er 
fie auf diefem Wege nicht erreicht. Carmen ift weiter gelaufen. Er dreht fich um und futht 
ihr den Weg abzufdineiden. Merkt, daß fie wiederum zu rafdi war. Sie läuft inzwifchen 
hinunter,- er jetzt blitzfchnell nach und packt fie.) 

CARMEN: Jofe, ich liebe Dich — fo wahr mir — (fchreit furchtbar auf) 
Lucas! ! <Er hat fie erftochen.) 

VOLK : (hat eben in tieffter Stille nach der Arena geftarrt, wo gerade Lucas dem Stier 
den Todesftoß verfetzt. Jetzt brüllen die Leute wie wahnfinnig) Bravo, Lucas! Viva, 
Lucas! Lucas! (Es werden Hüte, Bänder, Zigarren, Blumen in die Arena geworfen. 
Fanfaren.) 

JOSE : (fällt auf die Knie und wirft fich wimmernd über die Leiche Carmens) Carmen — — 
(Das Orchefter fällt ein. Getümmel und Lärm des Volkes.) 

ENDE. 



DRUCKFEHLERBERICHTIGUNG : Auf Seite 5 ftatt Merimee - Merimee 



DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN 



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